Schmutziger Eiertanz

Drei Millionen Zuschauer zur besten Sendezeit am Sonntagabend sind zwar nichts, womit man als Marktführer protzen könnte, aber andererseits hat man die drei Millionen Zuschauer natürlich lieber selbst, als sie der Konkurrenz zu überlassen.

Wer „Dirty Dancing“ zeigt, kann mit gut drei Millionen Zuschauern rechnen. Das ist nicht mehr sensationell, aber überraschend gut für einen zwanzig Jahre alten Film, der schon achtzehn Mal im Fernsehen gezeigt wurde (Folgetagswiederholungen nicht mitgerechnet). Vor allem sind diese drei Millionen verlässlich: Die letzten drei Ausstrahlungen erreichten nahezu identische Zuschauerzahlen, obwohl jede davon bei einem anderen Sender stattfand (siehe Tabelle weiter unten). Es ist bemerkenswert, dass ein Film, der vor zehn Jahren schon im Nachmittagsprogramm des ZDF angekommen war, plötzlich wieder ein Primetime-Quotenbringer für die zielgruppenfixierten Privatsender werden konnte. Bei fast jedem Sender ist der Film schon gelaufen.

Auf die drei Millionen treuen Zuschauer hatte sich auch schon Sat.1 gefreut. Zum Jahreswechsel wechseln mal wieder die Rechte an „Dirty Dancing“ ihren Besitzer, und gleich für den Neujahrsabend um 20.15 Uhr hatte Sat.1 den Film in seiner Feiertagsbroschüre angekündigt, die Mitte Oktober versandt wurde. Das muss wohl RTL mitbekommen und beschlossen haben: „Mensch, bis zum Jahresende haben wir den Film doch noch! Ach, komm, wir zeigen ihn einfach nochmal kurz vorher! Dann wollen ihn vielleicht nicht mehr ganz so viele sehen, wenn er fünf Wochen später bei der Konkurrenz läuft!“ Also versandte RTL am 24. Oktober eine Mitteilung über eine Programmänderung am 25. November: Statt des ursprünglich geplanten Films „Und dann kam Polly“ kommt dann „Dirty Dancing“. Es ist allein bei RTL die zehnte Ausstrahlung. „Jaja, den haben wir erst vor einem halben Jahr gezeigt. Na und?“

So könnte es gewesen sein. Und eigentlich ist das ja auch egal, denn RTL kann schließlich zeigen, was es will. Doch als handele es sich um ein Thema von äußerster Brisanz, heißt es bei RTL auf Nachfrage nur sinngemäß „Ja, ähm, weiß ich jetzt auch nicht.“ Und Sat.1, wo man zwar niemanden beschuldigen will, das Szenario aber für plausibel hält, teilt nur mit, man habe herzhaft gelacht.

Sat.1 hat sein Programm inzwischen aber ebenfalls geändert. Dort besteht angesichts der RTL-Änderung kein Grund zur Eile bei „Dirty Dancing“, die Rechte liegen für das ganze Jahr 2008 vor. Am Neujahrsabend zeigt Sat.1 stattdessen einen vergleichsweise brandneuen Film: „Forrest Gump“.

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Wir haben spaßeshalber mal sämtliche bisherigen Ausstrahlungsdaten, Sendeplätze, Sender und Einschaltquoten von „Dirty Dancing“ zusammengetragen (ohne Wiederholungen, die gleich am nächsten oder übernächsten Tag stattfanden). Diese bergen einige Kuriositäten. Die bisher 18 Ausstrahlungen verteilen sich auf sieben Sender aller Größen, nur das Erste und Kabel 1 waren noch nicht am der Reihe. Und aus unerfindlichen Gründen gab es zwischen 1999 und 2003 eine lange Dürre.

Datum Uhrzeit Sender

Mio. Zuschauer

Mittwoch,  20.12.1989 20.15 Uhr RTL

5,68

Donnerstag, 29.03.1990 20.15 Uhr RTL

2,82

Donnerstag, 18.10.1990 20.15 Uhr Tele 5

0,77

Karfreitag, 17.04.1992 19.10 Uhr RTL

3,84

Ostersonntag, 11.04.1993 20.15 Uhr RTL2

1,28

Sonntag, 03.07.1994 20.15 Uhr RTL

4,57

Samstag, 09.09.1995 20.15 Uhr RTL2

2,01

Freitag, 25.10.1996 20.00 Uhr ProSieben

4,23

Donnerstag, 01.05.1997 16.35 Uhr ZDF

2,53

Freitag, 01.05.1998 16.50 Uhr RTL

3,12

Donnerstag, 24.12.1998 20.15 Uhr RTL

3,23

Mittwoch, 31.03.1999 20.15 Uhr RTL

4,39

Freitag, 31.01.2003 20.15 Uhr ProSieben

4,20

Mittwoch, 19.11.2003 20.15 Uhr ProSieben

3,97

Mittwoch, 09.06.2004 20.15 Uhr RTL

4,37

Samstag, 26.03.2005 20.15 Uhr Sat.1

3,09

Donnerstag, 27.04.2006 20.15 Uhr VOX

3,14

Sonntag, 01.04.2007 20.15 Uhr RTL

3,16

Neu: Sonntag, 25.11.2007 20.15 Uhr RTL

3,52

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Michael, 24. November 2007, 09:36.

Marges Aktion Sauberer Bildschirm

Im Vorspann zur diesjährigen Halloween-Folge der Simpsons hat Marge genug von den nervigen Werbeeinblendungen für andere Shows im laufenden Programm:

Can’t anyone just watch the show they’re watching?

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Stefan, 21. November 2007, 12:23.

Ein Tag wie jeder andere

Heute ist der von den Vereinten Nationen ausgerufene Welttag des Fernsehens. Den müsste man glatt hier würdigen, wenn wir nicht jeden Tag so täten, als sei Welttag des Fernsehens.

Michael, 21. November 2007, 07:52.

Nobel-Al Goes Internation-Al

Wie jeden Monat hat Al Gore wieder eine Auszeichnung erhalten. Diesmal: den Founders Award der International Emmys für sein interaktives Internetfernsehen Current.  Dafür erhielt er im September auch schon einen regulären Emmy.

Dann fehlen ihm jetzt wohl nur noch der Bravo-Otto und der Förderpreis der Berliner Bäckerinnung.

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Michael, 20. November 2007, 08:34.

Heckmeck

In Dieter Thomas Hecks letzter Sendung zeigte das ZDF noch einmal, dass nicht nur seinen Englisch-Simultandolmetschern oft der Sinn des Gesagten entgeht (berühmtestes Beispiel: Madonna sagt in Wetten, dass…? zu einer strickenden Dame: „Können Sie meinem Sohn einen Hut machen?“, und der Dolmetscher übersetzte es mit: „Können Sie mir da einen Sonnenhut draus machen?“), sondern auch seine Spanisch-Übersetzer.

Einem gerührten Mann attestierte Heck: „Da hat so ein knallharter Junge plötzlich ganz dicht am Wasser gebaut.“ Und nach kürzer Übersetzungspause antwortet der Mann: „Vielleicht, kann man so sagen, ja. Wir wohnen 50 Kilometer vom Strand.“

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Michael, 19. November 2007, 12:41.

Vermisst

Ab 18. November 2007 (RTL). Suchdoku mit Julia Leischik.

Wie weiland Jörg Wontorra in Bitte melde dich macht sich RTL auf die Suche nach Vermissten, Verschwundenen oder Unbekannten: Familienangehörige, die sich aus den Augen verloren oder noch nie gesehen haben, Auswanderer, Menschen, die das Schiksal getrennt hat und Menschen, über deren Verbleib gar nichts bekannt ist.

Die gut einstündigen Ausgaben laufen sonntags um 19.05 Uhr, jede Sendung umfasst zwei Fälle.

Bitte melde dich

1992–1998 (Sat.1). Realityreihe mit Jörg Wontorra, der im Auftrag von besorgten Verwandten oder Freunden nach Vermissten forschte. In Filmen werden Fälle von Personen vorgestellt, die spurlos verschwunden sind, seit kurzem oder auch schon jahrelang. Angehörige kommen in den Einspielern zu Wort und sprechen direkt zu dem Abgehauenen: „Bitte melde dich!“ Für die Zuschauer ist eine Telefonnummer geschaltet, unter der Hinweise zu den Verschwundenen entgegengenommen werden. In jeder Sendung wird ferner über Ergebnisse berichtet, wenn ein Vermisster nach der Sendung durch Hinweise gefunden wurde oder sich selbst gemeldet hat.

Die Sendereihe, deren Titel im Schriftzug der „Bild“-Zeitung gehalten war, lief über Jahre und insgesamt sechs Staffeln erfolgreich montags abends gegen 21.00 Uhr. Mehr als jeder vierte Fall konnte aufgeklärt werden. Die Live-Ausstrahlung ermöglichte es, dass noch während der Sendung Hinweise und Erfolge gemeldet werden konnten. Andererseits wurde dem Zuschauer angesichts mancher Verwandter, die da auftraten, auch regelmäßig klar, warum der Gesuchte einfach nicht vom Zigarettenholen zurückgekehrt war. Oft deuteten sich die Dramen der Vergangenheit an, wenn die Verlassenen unter Tränen versprachen, dass in Zukunft alles anders werden würde. In der ersten Folge flehte ein Vater von vier Kindern seine verschwundene Ehefrau an: „Brigitte, auch wenn Du uns nicht mehr magst, komm zurück!“, und lockte mit dem Zusatz: „Brauchst ja net dableim!“ (Er hatte inzwischen eine neue Freundin gefunden.) Für verschärften Druck sorgte eine Psychologin im Studio.

Außer in dieser Sendung forschte Wontorra auch in Erben gesucht und Aus den Augen verloren.

Aus den Augen verloren

1995–1996 (Sat.1). Suchshow mit Jörg Wontorra.

Alte Freunde, verlorene Söhne und Schätze, frühere Klassenkameraden, anonyme Retter in der Not, der dunkelblonde Junge vom CD-Regal, sie alle werden gesucht und gefunden, und manchmal ahnt man beim Wiedersehen, dass es doch gelegentlich einen guten Grund gab, warum einer die Brieffreundschaft ganz bewusst versanden ließ oder sich jahrelang nicht bei den Verwandten gemeldet hatte.

Wontorras Fundbüro sollte an den Erfolg von Bitte melde dich anknüpfen, dabei aber bunter, abwechslungsreicher und nicht immer so tränentreibend sein. Und natürlich viel länger: Statt nur eine Stunde wurde doppelt so lang gesucht. Die Show lief meist im Abstand mehrerer Monate sonntags um 20.00 Uhr, insgesamt siebenmal.

Spurlos

1992–1994 (RTL). Einstündiges Magazin, das an den Sat.1-Erfolg Bitte melde dich anknüpfen wollte und deshalb ebenfalls Vermisste übers Fernsehen suchte. Moderator war Charles Brauer.

Lief an wechselnden Sendeplätzen jeweils an Werktagen zur Primetime und brachte es auf vier Staffeln.

Erben gesucht

1994 (Sat.1). Wöchentliches Magazin mit Jörg Wontorra, in dem Menschen gesucht wurden, die ohne ihr Wissen eine Erbschaft gemacht hatten und nicht gefunden werden konnten.

Zu erben gab es dabei oft nicht weniger als eine Eigentumswohnung in Frankreich samt 160 000 DM in bar – dass die Erbin oder Angehörige nicht aufzutreiben war, konnte in diesem Fall aber auch daran liegen, dass sie das uneheliche Kind einer Zigeunerin war, die ins Konzentrationslager kam.

Nachdem Wontorra bereits in Bitte melde dich Vermisste suchte, wurde er nach dieser Sendung endgültig zum „Suchonkel der Nation“ abgestempelt. Diese Sendung hatte immerhin den Vorteil, dass Erben gesucht fast völlig ohne heulende Angehörige auskam und ohne Schicksale, die auf die Tränendrüse drückten. Es ging um Menschen, die ihr Glück gemacht haben und posthum andere glücklich machten. Schön.

Die Pilotfolge lief am Donnerstag um 21.15 Uhr, am 6. Juni 1994 begann die eigentliche Reihe mit zwölf Ausgaben, immer montags um 21.15 Uhr.

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