Grand-Prix-Nostalgie: Die Loriot-Jahre

Ich darf nun Fräulein Elfriede Hilliges aus Berlin bitten. Fräulein Hilliges ist Vorschülerin zur Kinderkrankenschwester. Sie interessiert sich für Schlager, Country- und Westernmusik. Außerdem spielt sie Gitarre.

Man hält das Fernsehwerk von Loriot ja gemeinhin für genau beobachtete, aber doch ins Groteske übertriebene Parodien. Seit ich dies hier gesehen habe, verfolgt mich der schreckliche Verdacht: Es sind bloße Dokumentationen des deutschen Lebens oder wenigstens doch des deutschen Fernsehlebens Anfang der siebziger Jahre.

Folgen Sie mir in eine Welt voller alter Männer und charmanter Assistentinnen, strenger Regularien und harmloser Musik, bunter Kleidungsexperimente und steifer Umgangsformen, vor flimmernden Bühnenprojektionen oder schwarzen Vorhängen, folgen Sie mir in die Welt, in der nichts aufregender ist, als zuzusehen, wie Menschen endlos die immer gleichen Namen vorlesen und Zahlentafeln an eine Wand anbringen — in die ferne, fremde Welt des deutschen Vorentscheids zum Grand-Prix Eurovision vor 30 Jahren.


1969


1970


1971


1972


1973

Es sind Aufnahmen, die auch 300 Jahre alt sein können, so fern erscheinen die Gebräuche und Umgangsformen dem heutigen Fernsehen. Sie sind die perfekte Einstimmung auf das Song-Contest-Finale am Samstag und die beste Alternative dazu — und man muss sich nicht einmal die Auftritte der Künstler ansehen, wenn man nicht will: Die Abstimmungsrituale sind Folklore genug.

 
1969

Eine elfköpfige Jury (das „J“ sprach der Vorsitzende Hans-Otto Grünefeld selbstverständlich nicht englisch, sondern wie in „Jürgen“) entschied 1969, wer Deutschland mit welchem Titel beim Grand-Prix vertreten würde. Dazu gehörten je zwei Vertreter des Deutschen Komponistenverbandes, des Deutschen Textdichterverbandes und der Arbeitsgemeinschaft Schallplatte, vier Unterhaltungschefs von ARD-Anstalten und, warum auch immer, der Kappellmeister bei den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main.

Diese Abstimmung hier erfolgt namentlich und, wie es so schön heißt, in offener Wertung. Ohne Publikumsumfage und ohne Stimmen im Saal wollen hier elf Fachleute vor einem Milionenpublikum ihre Entscheidung treffen und, wenn es nötig ist, diese Entscheidung morgen auch vor einer Öffentlichkeit vertreten.

Was mich interessieren würde: Ob die meisten der Herren nicht am nächsten Tag öffentlich vor allem die Entscheidung vertreten mussten, solche lächerlichen Täfelchen hochgehalten zu haben.

Abstimmung I, Abstimmung II, alle Videos.

 
1970

1970 wagte der Hessische Rundfunk das Experiment, auch zwei Frauen an der bedeutsamen Entscheidung mitwirken zu lassen, was vermutlich Anlass für Hans-Otto Grünefeld war, die Verantwortung dieser Runde eindringlich zu betonen:

Diese zwei Damen und fünf Herren, die sich auf dem Schlagermarkt auskennen, die auch den Grand-Prix Eurovision genau kennen, haben sich verpflichtet, nach bestem Wissen und Gewissen das Lied für Amsterdam auszuwählen. Es geht nicht darum, meine Damen und Herren, ein Lied herauszufinden, das etwas kommerziell die größten Chancen hätte oder das besondere Quaältitä speziell auf dem deutschen Markt hätte. Es geht darum, das Lied auszuwählen, das auf diesem internationalen Festival, diesem speziellen Grand-Prix Eurovision, für die ARD bestehen kann. Die Komponisten, die sich hier im Wettbewerb befinden, können versichert sein, dass jedes Jurymitglied in völliger Unabhängigkeit seine Entscheidung treffen kann und wird. Alle Prognosen, alle Spekulationen, die in den letzten Tagen erschienen sind, sind ohne Bedeutung für diese Jury.

Kein Wunder, dass das Publikum auf spezielle Erlaubnis zum Klatschen wartete, als die Entscheidung feststand: Katja Ebstein, „Wunder gibt es immer wieder“.

Abstimmung I, Abstimung II, alle Videos.

 
1971

Mit Günther Schramm als Moderator kamen die Jury aus ihrem Kabuff, und neben Fachjuroren gab es auch Junior-Juroren unter 25!

Herr Peter Fischer ist Medizin-Student und Hobby-Schlagzeuger!

Fräulein Guttmann ist Sprachschülerin — und: Sie spielen Violine!

Fräulein Ludwig studiert und will Musiklehrerin werden.

Herr Schmidt, Sie sind Medizin-Student und Hobby-Schlagzeuger.

Fräulein Inge Stein, Studentin der Germanistik und Politologie. Und Sie spielen auch die Violine!

Es war die Zeit der wilden Blue-Box-Effekte, deshalb unbedingt auch den Abspann ansehen.

Abstimmung I, Abstimmung II, alle Videos.

 
1972

Wenn Sie nur in ein Jahr hineinschauen wollen, nehmen Sie 1972, allein schon wegen der Übergardinen-Krawatten-Kombination von Renate Bauer, die mit Karin Tietze-Ludwig moderierte und auch die Juroren aufrief:

Und nun Herr Christian Kneisel. Er ist Schüler hier in Berlin, spielt Klarinette und ist Mitglied einer Jazz-Gruppe. Also sehr musikinteressiert.

Unser nächstes Jurymitglied ist Claudia Eder. Sie ist Sängerin mit starken Schwächen für die Popmusik und – Fernsehansagerin.

Und nun Herr Wolfgang Lau. Herr Lau ist Student für industrielle Formgebung. Er ist musikinteressiert, sowohl klassisch als auch modern.

Als letzte aus der Gruppe der musikinteressierten Laien darf ich Ihnen nun Elfriede Natzke vorstellen. Frau Natzke ist Redaktionsassistentin in München. Je nach Stimmung liebt sie Pop, Jazz oder auch klassische Musik.

Wohin es führt, wenn man die Entscheidung aus den bewährten Händen alter Männer in separierten Hinterzimmern nimmt, ist deutlich am Ende der zweiten Abstimmungsrunde zu erkennen: Die Wahl von „Nur die Liebe lässt uns Leben“ quittiert hören, löst erstaunliche Unmutsbekundungen im Publikum aus. Und dann steht Paulchen Kuhn auch noch hilflos auf der leeren Bühne, bis die Mary Roos endlich angerannt kommt und ungefähr zwei Zehntelsekunden Zeit zu verschnaufen bekommt.

Abstimmung I, Abstimmung II, Abstimmung III, alle Videos.

 
1973

Meine Damen und Herren, und nun kommen wir zum zweifellos spannendsten Teil des heutigen Abends, nämlich zur Wertung der zehn von uns geladenen Jurymitglieder. Es sind dies fünf Unterhaltungsexperten des Fernsehens, drei aus Deutschland, zwei aus dem Ausland, und fünf Pop-interessierte junge Leute, die — teils beruflich, zumindest aber privat — eng mit der Popmusik verbunden sind. Ich werde sie einzeln aufrufen und um ihre Wertung bitten. Eine Kopie ihres Stimmzettels erhält unser Notar, Herr Dr. Fritze, der den Gesamtvorgang im Juryraum beobachtet hat und der auch die Wertung der Jurymitglieder überprüfen wird, wenn sie bei uns vor der Kamera erscheinen. Ich bitte nun Dr. Fritze zunächst. Für den Fall, dass zwei oder mehr Lieder nach Schluss der Stimmabgabe die gleiche Punktzahl erhalten, dann tritt die Jury ein zweites Mal in Aktion, nämlich zu einer Stichwertung. Sollten dann immer noch zwei oder mehr Lieder die gleiche Punktzahl haben, so entscheidet die Stimme des Vorsitzenden der Jury. Es ist dies der Fernsehdirektor des Hessischen Rundfunks, Hans-Otto Grünefeld.

Den kennen wir ja schon.

Abstimmung I, Abstimmung II, alle Videos.

Stefan, 14. Mai 2009, 20:02.

13 Kommentare


  1. […] Sie mir bitte nach nebenan ins Fernsehlexikon folgen möchten. Fräulein Elfriede Hilliges, Herr Hans-Otto Grünefeld und […]

  2. „(das „J“ sprach der Vorsitzende Hans-Otto Grünefeld selbstverständlich nicht englisch, sondern wie in „Jürgen“)“

    Also war’s damals doch nicht so doof wie’s uns hier verklickert wird.

  3. Zu gerne würde ich wissen, ob die „Sängerin mit starken Schwächen“ eigentlich auch „musikinteressiert“ war.

  4. Wer nach dem ersten Halbfinale am Dienstag nicht sofort abschaltete, konnte noch einen Blick auf die Phönixrunde erhaschen, die sich große Mühe gab, in einem Jahr ohne Vorentscheid doch etwas von der Atmosphäre vergangener Vorentscheide zu retten. Von links nach rechts: Der „Schlagerexperte“, der sich direkt über die Musik mokierende 1Live-Moderator mit dem Käseigel und das Fräulein Phönix-Moderatorin, das ganz sicher weder musikinteressiert noch Hobby-Schlagzeugerin ist – sie fingen mit großem stilistischen Geschick den Geist jener Jahre ein, den Herr Niggemeier hier so liebevoll dokumentiert.

  5. Definitiv! (Also vermutlich. ;))
    Schließlich war Claudia Eder schon 1970 in der Jury und da hat Hans-Otto Grünefeld auch schon gesagt, dass sie „starke schwächen für die Popmusik“ habe, also genau das, was Renate Bauer zwei Jahre später geklaut hat.

    Stefan, dass du auf dieses frühe Textrecycling nicht hingewiesen hast, enttäuscht mich jetzt ein wenig. 😉

  6. Jetzt ist mir ganz schlecht.

  7. Oldman(64) hatte seinerzeit auch schon „Buntfernsehen“. Wir haben damals im Freundeskreis nie ergründen können, wer sich diese Sendungen angesehen hat.
    Danke für die Erinnerung an nie Gesehenes.

  8. Moden sehen ein paar Jahre danach immer ulkig aus. Leider lernen die jetzt feixenden Menschen nix draus, denn sie sind schon voll in der nächsten Mode,
    …die dann in ein paar Jahren wieder feixend niedergemacht wird, und so weiter…
    Isses nich toll?

  9. An den ersten Bildern sieht man schon, dass du ein Faible für Damenrücken hast…
    😉

  10. Man braucht nicht bis 1972 zurückzugehen, um schrecklich angezogene Fernsehschaffende zu finden. Man denke nur an Nils Bokelberg.

  11. Ex-Dschungel-Camp-Guckerin,

    *Kreisch* – das ist ja schön!
    Mir gefallen vor allem die Farbkombinationen der ersten fünf Bilder… das schaffen selbst die schlecht angezogensten Fernsehleute heutzutage nur selten.
    Die Titel im 4. Bild von 1872 klingen so, als wären sie allesamt von Ralph Siegel komponiert…;-)

    Ich habe diese Woche beim 2. Halbfinale zum Grand Prix nachts kurz reingeschaltet und lauter bein-schwenkende Menschen im roten Dirndl und engen schwarzen Hosen gesehen, dachte erst, ich bin im Kultur-Foklore-Programm von Arte gelandete, merkte es dann beim Anblick des Moderatorenpaares…Also, ich bin gespannt auf heute abend!

  12. Ex-Dschungel-Camp-Guckerin,

    Korrigiere: ich meine natürlich 1972…Freudscher Fehler! Kommt davon, wenn man lauter alte Bilder anschaut und sich amüsiert.

  13. […] Den kompletten Nostalgie-Wahnsinn gibt’s hier… Fernsehlexikon […]



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