Schmidts Katzentisch

Unter normalen Umständen hätten nur seine Zuschauer bemerkt, dass Harald Schmidt schon seit langem keine Lust mehr hat. Da Herr Schmidt sich seine Lustlosigkeit aber nicht nur anmerken ließ, sondern in den etwa sechzig Interviews, die er jede Woche gibt, ausdrücklich darauf hinwies, hatten es inzwischen auch alle anderen erfahren. Das sorgte zwar für eine hohe Aufmerksamkeit, aber nicht unbedingt für Vorfreude auf seine Rückkehr aus der Sommerpause.

Doch dafür gibt es jetzt Oliver Pocher, der in seiner Arbeitshaltung das genaue Gegenteil ist. Wer so sehr unentwegt über seine eigenen Witze lacht, muss einfach Spaß an seiner Arbeit haben. Und das ist doch schon was.

Ich mag Oliver Pocher. Ich finde ihn sympathisch. Das schrieb ich schon an anderer Stelle und musste mich dafür beschimpfen lassen. Ich mag auch Harald Schmidt. Er ist ein Genie des deutschen Fernsehens, nur leider inzwischen in Altersteilzeit.

Die spannende Frage war: Können Schmidt & Pocher in einer gemeinsamen Sendung nebeneinander bestehen? Harald Schmidt hatte schon immer Sidekicks, aber nie wurde vorgegeben, Herbert Feuerstein, Helmut Zerlett oder Manuel Andrack seien gleichberechtigte Partner. Deshalb ist es wichtig, dass das erneuerte Format ausreichend geprobt wird, bevor es auf Sendung geht.

Bei der ersten Stellprobe am Donnerstagabend um 22.53 Uhr lief noch einiges unrund. So wirkte Pocher zum Beispiel gar nicht wie ein gleichberechtigter Partner, sondern wie jemand, der sich in eine bereits bestehende Sendung einfach dazusetzt und am Bildschirmrand darum kämpfen muss, das Wort erteilt zu bekommen. Die Gags saßen noch nicht, die Absprachen funktionierten nicht und der Ablauf wirkte extrem zufällig, aber das macht nichts, dafür probt man ja. Statt des eigentlich geplanten Textes unterhielten sich der Protagonist und der Andere eine Dreiviertelstunde lang darüber, welche Sendungen sie bei RTL gesehen haben und welche Filme Sat.1 nächste Woche zeigt. Das würde die ARD in der tatsächlichen Ausstrahlung natürlich niemals zulassen. Es war nett von Günther Jauch, sich als Probengast zur Verfügung zu stellen, und es war nett von Schmidt und Pocher, nicht mehr als fünf Minuten seiner Zeit zu beanspruchen oder ihn in ein Gespräch zu verwickeln, solange es noch nicht um die eigentliche Sendung geht. Die Generalprobe wird bestimmt schon besser, und wenn die Sendung eines Tages an den Start geht, wird sie vielleicht sogar ganz nett.

Michael, 26. Oktober 2007, 00:13.

9 Kommentare


  1. Ich fand erschreckend, wie Schmidt Pocher demontiert hat (falls es da was zu demontieren gibt, besser wäre vielleicht: wie er ihn mutwillig über 60 min völlig blamiert hat). Das Ganze wäre im Normalfall durchaus verständlich, beispielsweise wenn sich die beiden in der Talkshow einer dritten Person getroffen hätten. Aber da diese Show nun einmal „Schmidt & Pocher“ heißt, konnte ich keinen Sinn darin sehen, Pochers kulturelle Ignoranz derart bloßzustellen und ihm auch noch jede Pointe absichtlich zu versauen. Heraus kam eine Harald-Schmidt-Show mit einem hibbeligen, verunsicherten und über sieben Achtel der Sendung vulgär-unlustigen Pocher.

    Bei der Gesprächsrunde Jauch-Schmidt-Pocher wirkte letzterer (auch was die körperlichen Dimensionen betraf) wie ein Zehnjähriger, der noch eine halbe Stunde länger wach bleiben darf, um den Erwachsenen beim konversieren zuzuhören. Abgesehen davon, dass das Duo Schmidt-Pocher wirkte, als sei keine Minute zusammen geprobt worden, fragt man sich, was der Mehrwert dieses Formats ist, außer dass Pocher – falls es so weitergeht – in einem halben Jahr wieder zu Viva kann.

  2. Eine sehr nette Glosse auf die gestern ausgestrahlte „Probe“. Man merkt wirklich nur zu deutlich, dass das Team noch nicht eingespielt ist. Hier treffen nicht nur ein gelangweilter Zyniker und ein enthusiastischer Klamaukist aufeinander, sondern eben auch ein Vollprofi und ein Neuling. Ich denke, Pocher hat die Regeln einer Livesendung noch nicht ganz verinnerlicht, denn er ist es von seinen früheren Formaten gewohnt, dass hinterher die besten Szenen zusammengeschnitten werden. Bei Schmidt&Pocher funktioniert das anders, aber Herr Pocher reizt jeden Spaß endlos aus, bis wirklich niemand im Publikum mehr darüber lacht (vgl. Nazometer). Schmidt hat ein theater-geschultes Gespür dafür, wenn ein Gag nicht mehr funktioniert – sehr schön zu sehen war das, als Pocher eine Presseerklärung von (???) als Jazzsong vortrug und als die Pointe gelandet war und es nur noch darum gegangen wäre, den Sketch zu Ende zu führen, bot er ihm eine elegante Möglichkeit an, auszusteigen, indem er einen abgesprochenen Witz einleitete. Pocher ist aber eben noch nicht Profi genug, um schnell genug zu reagieren.
    Sicherlich hat das auch damit zu tun, dass Pocher die Sketche einfach wirklich lustig findet, während Schmidt sie einfach abarbeitet. Ich bin jedenfalls gespannt, wie es weitergehen wird. Ich hoffe, sie werden die Thematisierung des Unterschieds zwischen sich zurücknehmen. Und die Gäste etwas ernster nehmen… Herr Jauch tat mir wirklich leid.

  3. Hmm, meines erachtens ist das keine Live-Sendung. Das wird 1-2 Stunden vor Ausstrahlung aufgezeichnet. Man merkte ja auch deutlich Schnitte. Aber ich lasse mich geren korrigieren.

  4. Habe die Sendung leider nicht gesehen, bin aber dennoch äußerst verwirrt nach dem Lesen dieser „Glosse“, da ich gerade noch bei spon war und die Sendung dort recht positiv aufgenommen wurde. Zwei Meinungen, die kaum weiter voneinander entfernt sein könnten. Muss wohl doch mal selber gucken.

  5. Ok, es ist keine Livesendung, aber eben eine Show, die man nicht komplett umschneiden kann wie die Einspieler bei Rent-a-Pocher.

  6. […] Popkulturjunkie ist enttäuscht. *Das Fernsehlexikon auch. *Beim Medienrauschen ist man vorsichtig optimistisch. *DWDL ist sehr zufrieden. *Die Süddeutsche […]

  7. Wirklich enttäuschend bei diesem Schmidt-Pocher-Gewurschtel fand ich eigentlich nur Schmidt, und das weil oder obwohl ich Schmidts Humor und seine Präsentation eigentlich sehr mag und seit Jahrzehnten genieße. Abe wie er da hektisch, gelangweilt und dadurch letztlich wirklich nicht witzig seine Gags am Anfang hintereinander massenhaft vom Teleprompter ablas, das war nur noch öde.
    Dagegen wirkte der teenagerhafte Pocher ja dann doch sehr lebendig, selbst wenn er kaum zu Wort kam.
    Tanzen kann er immerhin.

  8. […] Versendung der Pressemappen meine Theorie, dass die Show von vor zwei Wochen tatsächlich nur eine erste Probe war. ARD, Harald Schmidt, Oliver Pocher Michael in […]

  9. […] war die Sendung auch nicht. Im Gegenteil: Nach den im Fernsehen übertragenen Stellproben im vergangenen Herbst ist in der Zwischenzeit eine richtige Sendung aus Schmidt & Pocher geworden: Viele Gags […]


Senf abgeben?





Das Buch

die Autoren

Weitere Bücher

New York für Fern-SeherDie kleine House-Apotheke

Links