Leben nach dem Serientod

Der „Hollywood Reporter“ berichtet, der Sender CBS plane nun doch eine Fortsetzung der abgesetzten und in dieser Woche auf Pro Sieben gestarteten Depri-Serie Jericho.
Zahlreiche Fans protestierten gegen die Absetzung, indem sie dem Sender Nüsse schickten – wegen eines Ausspruchs der Hauptfigur in der letzten Folge: „Nuts“ ( = „verrückt“). Zwar nicht im Herbst und für eine volle Staffel, aber für immerhin sieben Episoden im nächsten Frühjahr könnte Jericho demnach zurückkehren und die Chance bekommen, zumindest das offene Ende der ersten und bisher einzigen Staffel aufzulösen.

So ungewöhnlich und selten es ist, dass sich Fernsehsender von so etwas Geringfügigem wie Zuschauern reinreden lassen, so sehr ist Jericho — und jetzt bitte den Ede-Zimmermann-Gedenktonfall aufsetzen — kein Einzelfall.

In diesen fünf anderen Fällen sorgten Fans durch direkten Protest oder indirekte Interessensbekundung dafür, dass eigentlich eingestellte Serien doch reanimiert wurden:

1. Cagney & Lacey
Damals waren es noch simple Briefe und Anrufe, durch die treue Zuschauer ihren Protest gegen die Einstellung zum Ausdruck brachten. Nach 28 Folgen hatte der Sender CBS den Stecker gezogen, ließ sich aber nach dem Sturmlauf der Fans umstimmen und setzte die Serie nach zehn Monaten Pause im März 1984 doch noch fort. Es war kein Fehler: Die hastig ins Programm gehievte Kurzstaffel schaffte es plötzlich in die Top 10 der meistgesehenen Serien des Jahres.

2. Roswell
Roswell war der erste Versuch amerikanischer Fans, einen Sender durch die Einsendung von Lebensmitteln umzustimmen. Schon nach der ersten Staffel 2000 sandten sie Tausende von Tabasco-Flaschen ein, weil die Aliens in der Serie so gern Tabasco tranken. Der Sender The WB schickte die Serie in eine zweite Staffel, setzte sie danach aber ab. Die Fans gaben nicht auf und schickten ihre Tabasco-Flaschen diesmal gleich an den Konkurrenzsender UPN, der Roswell tatsächlich in sein Programm aufnahm, wo die Serie noch ein knappes Jahr überlebte.

3. Die Kommissarin
Eher aus Verlegenheit, weil nach der Einstellung einiger Volksmusikshows ein Sendeplatz frei geworden war, wiederholte die ARD im Herbst 2003 zur besten Sendezeit Folgen der Kommissarin, die bei der Erstausstrahlung noch am Vorabend gelaufen waren, und zeigte ein paar bis dahin ungesendete, die schon jahrelang im Archiv gelegen hatten. Die Ausstrahlung war so erfolgreich, dass in der Folgezeit weitere Folgen der totgeglaubten Serie produziert wurden.

4. Family Guy
Die Zeichentrickcomedy war längst abgesetzt, als DVDs mit Fernsehserien ihren Boom erlebten. Die Box-Sets der ersten Staffeln von Family Guy wurden Bestseller und verkauften sich so hervorragend, dass sich die Produktion weiterer Folgen womöglich schon allein für den DVD-Verkauf gerechnet hätte. Trotzdem spekulierte der Sender Fox auf höhere Zuschauerzahlen und sendete die neuen Staffeln. Die Rechnung ging auf. Seit die Serie nach drei Jahren Pause 2005 wieder ins Programm genommen wurde (auf dem Prestige-Sendeplatz sonntags um 21.00 Uhr), gehört sie in der jungen Zielgruppe zu den meistgesehenen des Senders.

5. Futurama
Mit etwas Verzögerung geschah das Gleiche wie bei Family Guy. Die DVDs verkauften sich fast genauso prima, zusätzlich erreichten Wiederholungen beim Kabelsender Comedy Central hervorragende Einschaltquoten. Comedy Central, und nicht der bisherige Sender Fox, wird in den USA 2008 auch die neuen Folgen zeigen, dann fünf Jahre nach der Absetzung.

Update 07.06.2007:
Der Bericht des „Hollywood Reporter“ über die Fortsetzung von Jericho stimmt. Es gibt inzwischen eine ausführliche Stellungsnahme von CBS.

Michael, 6. Juni 2007, 16:40.

9 Kommentare


  1. Haben wir nicht die zweite „Stromberg“ – Staffel auch Zuschauerprotesten zu verdanken?
    Und wenn ich mich recht erinnere, holte ProSieben „Mein neuer Freund“ mit Christian Ulmen nach einem Ansturm der Fans zurück ins Programm, nachdem die Serie bereits nach einer Folge abgesetzt worden war.

  2. Euphoriefetzen,

    zwar keine neue folgen, aber: hat „eine schrecklich nette familie“ nicht auch sehr lange durch massive proteste der pro7-zuschauer überlebt.

  3. Und was ist mit Star Trek?

  4. Hallo zusammen.
    Stromberg überlebte in erster Linie dank hervorragender Kritiken, die Pro Sieben davon überzeugten, die Serie trotz schlechter Quoten als Prestigeobjekt zu behalten.
    Mein neuer Freund wurde nicht fortgesetzt, sondern es wurden lediglich die bereits produzierten restlichen Folgen auf einem schlechteren Sendeplatz versendet. Eine schrecklich nette Familie erfuhr zwar in den USA zeitweise einen Boykott durch Werbekunden, war aber weder dort noch hier jemals ernsthaft von einer Absetzung bedroht oder gar abgesetzt worden, bevor die Serie nach ihren bemerkenswerten 11 Jahren zu Ende ging.
    Star Trek könnte im weitesten Sinn tatsächlich als Beispiel dienen, wobei hier nach der langen Pause zunächst mal Kinofilme mit der Originalbesetzung und dann die neuen Fernsehserien mit neuen Darstellern gedreht wurden.

  5. Schön fand ich die Everwood-Aktion, bei der Fans ein Riesenrad aufgebaut haben (in einem solchen gab es eine Schlüsselszene in der ersten Staffel) und es drumherum mehrere Aktionen gab. Genützt hat es leider nichts.

  6. Soweit ich mich recht erinnere gehört auch „Baywatch“ in diese Liste.
    Ursprünglich sollte die Serie glaube ich nach der ersten Staffel abgesetzt werden.
    Doch weil sie so ein Riesenerfolg im Ausland – und vor allem, wegen Hasselhoffs hiesiger Beliebtheit, in Deutschland war, entschied man sich dann, die zweite Staffel kostengünstiger doch noch zu produzieren. Deswegen verzichtete man auch auf Parker Stevenson, der Ende der 80er durchaus bekannt und somit teuer war.
    Ende der 90er kannte ihn keine Sau mehr und er wurde in die Serie zurückgebracht.

  7. @ Magnus: Stimmt.

    http://www.fernsehlexikon.de/sendungen/baywatch/

  8. […] nicht näher genannte ProSieben-Sprecherin bezeichnete die ursprünglich geplante Absetzung der Serie Jericho in den USA als „unerklärlich“, schreibt […]

  9. […] eigentlich schon abgesetzte RTL-Strafgericht wird nun doch fortgetzt. Das hat allerdings weniger wie bei diesen Serien mit Fanprotesten zu tun, sondern damit, dass RTL festgestellt hat, dass es ja andere Sendungen im […]


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