Alle Jubelsuperwahljahr

Wahlabende sind normalerweise keine sehr fröhlichen Fernsehabende, weil die meisten Protagonisten sehr mürrisch gucken, inhaltlos reden und depressive Stimmung verbreiten, also so ähnlich wie ein Konstanzer Tatort.

Heute ist das anders: Man sieht viele wohlgelaunte Gesichter, und am fröhlichsten von allen wirkt Julia Klöckner, die Spitzenkandidatin der rheinland-pfälzischen CDU, die sich seit Stunden freut, strahlt und euphorisch ihren Wählern für den Auftrag dankt — ähm… den Auftrag, in der Opposition zu bleiben? Sie wirkt, als halte sie es für einen enormen Erfolg ihrerseits, dass aus der roten jetzt eine rot-grüne Regierung in ihrem Land wird. Aber gut, wenn sie das so glücklich macht, bitte sehr.

Das ZDF bemüht sich derweil um ausgewogene Berichterstattung und gleichmäßige Präsenz der amtierenden Ministerpräsidenten. Das geht so: Der langmonatige baden-württembergische Regierungschef Stefan Mappus ist zwar zu hören, aber zu sehen ist währenddessen der Rücken eines Kameramannes, der einen besseren Platz ergattert hat als Stefan Mappus. Direkt im Anschluss ist der Rheinland-Pfälzer Kurt Beck klar und deutlich zu sehen, aber dafür wenigstens nicht zu hören.

Die großen Sieger des Wahlabends sind laut Eigenauskunft die Parteien, die sich für Gerechtigkeit eingesetzt haben (vielleicht hätte die FDP nicht groß „Gerechtigkeit – nein danke!“ auf die Plakate schreiben sollen), dann natürlich die Endziffer 88 (vielen Dank Frank Elstner für diese schnelle Zwischeninformation im Ersten), und die SPD in Baden-Württemberg, die sich mit einem klaren Regierungsauftrag ausgestattet sieht (wie das bei einer drittstärksten Kraft so üblich ist).

Mehr möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, wir werden das alles morgen in Ruhe analysieren und besprechen, denn jetzt schon Personalentscheidungen zu treffen, wäre verfrüht.

Michael, 27. März 2011, 20:19.

8 Kommentare


  1. Rolf Heisinger,

    Zitat aus o.a. Artikel: ‚… am fröhlichsten von allen wirkt Julia Klöckner, die Spitzenkandidatin der rheinland-pfälzischen CDU, die sich seit Stunden freut, strahlt und euphorisch ihren Wählern für den Auftrag dankt — ähm… den Auftrag, in der Opposition zu bleiben?‘

    Mein Kommentar:
    Beck hat immerhin 10% verloren und ist gerade noch mit 0,4 % vor der CDU. Wo ist da der klare Wählerauftrag?

    Und ob die Grünen überhaupt mit Beck zusammengehen, erst mal abwarten?!

    Die Alternative zu Beck, ganz klar Julia Klöckner, gerade für die Grünen!

    Julia Klöckner ist angetreten um Ministerpräsidentin zu werden.

  2. Sehr schöne Zusammenfassung des Abends – sehr treffend! Ich hab mich köstlich amüsiert. 🙂

    Und Katja Schmirler von den Fuldaer Grünen sagt gerade im HR, dass sie sogar drei lachende Augen habe. Also nur strahlende Gesichter heute. 😉

    @Rolf Heisinger: Kurt Beck hat nicht 10%, sondern 10 Prozentpunkte (und damit in diesem Fall über 20%) im Vergleich zur letzten Wahl verloren. Frau Glöckner sollte trotzdem nicht zu viel grinsen, da sie eben definitiv nur Oppositionsführerin wird. Wurde nicht im Voraus ohnehin schon eine Koalition mit den Grünen (gerade nach den Entwicklungen in Hamburg) ausgeschlossen?

  3. Edit: Die gute Frau heißt Klöckner, nicht Glöckner…

  4. Rolf Heisinger,

    @babbix: Stimmt Beck hat ca. 20% verloren. Julia Klöckner grinst nicht, sie ist fröhlich und freut sich. Wer in der Atomfrage umdenken kann, wird auch konstruktiv mit dem Wahlergebnis umgehen. Ich denke, Hamburg tut dem keinen Abbruch.

  5. Frau Klöckner würde auch noch breit lächeln, wenn die CDU an der 5%-Hürde scheitert – das ist bei ihr ähnlich immanent wie bei Privatradio-Moderatoren, denen man nach dem Tod mühsam das Grinsen aus dem Gesicht meißeln muss (O-Ton Oliver Kalkofe, soweit ich weiß).

  6. Bei diesem Artikel muß ich an Reinhard Meys „Wahlsonntag“ denken. Nach einer Wahl gibt es eben immer nur Gewinner, egal, wie man das nun erklärt.

  7. Ich steh hier gerade in der Stadt im Stau….und an der Ampel ist rot….oh…es geht glaub weiter…..zumindest wird es gerade gelb…..und jetzt ist es grün….es kann also los gehen???…… oh mein Gott…ich bin gerade geblitzt worden…und jetzt wird mir ganz schwarz vor Augen… auf jeden Fall haben wir strahlendes Wetter und die Stimmung ist bombig.

  8. Klar, die SPD hat schon deutlich verloren — aber nunmal an die Grünen, nicht an die CDU. Die CDU hat ihre Gewinne wohl eher auf dem Rücken des einzigen, nun aus dem Parlament gekegelten Koalitionspartners gutgemacht. Da kommt man doch gerne zum Gratulieren bei Frau Klöckner vorbei, wenn trotz ewiger SPD-Regierung und allerlei Landesskandalen die bürgerlichen Parteien zusammen (und auf historischem Tiefstand) immer noch kleiner werden.


Senf abgeben?





Das Buch

die Autoren

Weitere Bücher

New York für Fern-SeherDie kleine House-Apotheke

Links