Der US-Comedy-Präsident

Vor einem Jahr berichteten wir mehrfach über das, was wir den „US-Comedy-Wahlkampf“ nannten. Im Vorfeld einer Präsidentschaftswahl ist es in den USA üblich, dass die Kandidaten Auftritte in den Late-Night-Comedyshows absolvieren, und im vergangenen Jahr mehr als je zuvor gaben sie sich nicht nur für Interviews, sondern auch für Gags her.

Unüblich war bisher, dass der Wahlsieger sich auch nach Amtsantritt noch in den Late-Night-Shows blicken lässt. Insofern war es ein großes Fernsehereignis, als Barack Obama im März als erster amtierender US-Präsident Gast als Talkgast in einer solchen Show auftrat. Die Tonight Show with Jay Leno mit dem angekündigten hohen Besuch erreichte an diesem Abend eine Einschaltquote, die nicht mal von Lenos Abschiedshow vor zwei Wochen übertroffen wurde.

Innerhalb von nur acht Tagen war Obama nun in zwei weiteren Late-Night-Shows zu sehen und dürfte damit wahrscheinlich schon jetzt der humorvollste Präsident aller Zeiten sein.

Beide Auftritte kamen überraschend (und als Zuspielung). In der ersten Woche der neuen Tonight Show with Conan O’Brien erklärte Obama in einem Interviewausschnitt gegenüber NBC-Nachrichtenmoderator Brian Williams, man habe stundenlang im Weißen Haus darüber diskutiert, wie ein fließender Übergang von Jay Leno zu Conan O’Brien zu schaffen sei.

(Falls das NBC-Video wieder nicht lädt: Sie finden es auch hier.)

Stephen Colbert erhielt von Obama zu Beginn dieser Woche eine klare Anweisung. The Colbert Report sendet diese Woche aus Bagdad (ja, wirklich), und das Publikum besteht aus Soldaten mit Einheitsfrisur. Colberts Gast, General Ray Odierno, der Oberkommandierende der Truppen im Irak, drängte Colbert dazu, sich ebenfalls den Kopf scheren zu lassen. Colbert merkte an, dazu bedürfe es schon einer höheren Instanz.

Michael, 10. Juni 2009, 12:40.

13 Kommentare


  1. Bzgl. des letzten Videos: kaum vorstellbar, daß ein duetsche Politiker so selbstironisch in eienr Sendung auftritt. „My ears are really that big.“ (4:07) ^^

  2. Der General is aber kein besonders guter Schauspieler. Macht ihn aber irgendwie sympathisch.

  3. Ich fand die Colbert-Sendung genial. Auch die militärische „Grundausbildung“ war lustig. Mit dem Auftritt von Obama und Odierno hat Colbert bewiesen, das er mit Conan O’Brien und David Letterman in der oberen Riege der amerikanischen Late-Night-Talker mithalten kann. Colbert sollte wirklich mal auf der Liste der 100 einflussreichsten Leute der Welt des TIME Magazine stehen.

    Colbert hatte bis jetzt Obama 2mal während des letzten Jahres in seiner Sendung, selbst Letterman hat das nicht geschafft.

  4. @Johann:
    Da kann ich nicht zustimmen, ich finde das sogar sehr vorstellbar. Die meisten würden schon aus Wahlkampfkalkül mitmachen. Und nicht wenige auch einfach aus Lockerheit und Spass an der Albernheit.

  5. Sind die Haare nun ab …oder wie oder was? Gibt’s ’ne Fortsetzung?

  6. Nils die Maus,

    @ Jeeves: Einfach auf colbertnation.com gehen, dort ist die Folge von gestern komplett abrufbar. Und ja, die sind wirklich ab. Zudem haben in der gestrigen Folge auch Bill Clinton George Bush einen Auftritt. Und auch dieser ist sehr selbstironisch.

    Ich schaue Colbert Report und Daily Show nun schon seit knapp 2 Jahren, und ich bin nach wie vor begeistert!
    Was die da alles auf die Beine stellen, das steht so ziemlich alles, was hier läuft, in den Schatten!

  7. @Nils die Maus,

    das ganze macht ja auch die USO (United Service Organization), die auch seit 5 Jahren eine jährliche Wrestlingshow nach Bagdad bringt. Von World Wrestling Entertainment die Sendung WWE RAW. Das ganze wird dann als patriotische Veranstaltung hochgezogen und mit viel Prominenz geschmückt. Die USO hat damals auch Marilyn Monroe und Bob Hope zu Soldaten in die Kampfzonen geschickt.

    Die USO ist der Moral-Anheizer und ist eine Organisation die eng mit dem US-Militär zusammenarbeitet.

  8. Nils die Maus,

    @ Marco

    Das ist ja nix Neues, was die USO treibt. Wie man die nun findet, sei jedem selbst überlassen.
    Ich meine aber eigentlich den Colbert Report und die Daily Show im Ganzen. Das finde ich herausragend, was die da nahezu täglich produzieren!

  9. Hach Stephen …

    Am Rande: ist Bush nicht am Ende seiner Amtszeit bei dieser Show mit den Geldkoffern zugeschaltet gewesen? Was für ein humorvoller Mensch. Ich mag Obama. Aber ich finde es recht nebensächlich ob er jetzt beim Colbert Report oder bei Conan zugeschaltet ist und einen lustigen Dialog mitmacht oder nicht. Das ist nicht seine Aufgabe. Was nicht heißt, dass es nicht interessant ist darüber zu berichten. Letztenendes jedoch würden glaube ich viele Politiker den Spaß mitmachen. Das Coole ist halt, dass die begnadeten CR-Autoren ihm einen echt guten Text geschrieben haben (und dass er diesen Text total glaubhaft rüber bringt – der oneliner von Bush Sr. mit den hübschen Beinen war auch großartig aber kam nicht gerade sehr echt rüber hahaha). Zu welchem Scheiß sich Politiker sich hinreißen lassen, kann man ja auch gelegentlich im Colbert Report sehen. Wobei ich nicht viel
    Zweifel habe, dass Obama bei Better Know A District auch sehr charismatisch, vertrauenswürdig und authentisch rüberkommen würde. Im Gegensatz zu anderen Personen.

  10. Diese Folge des Colbert Report war einfach wunderbar! Das dann auch noch der US President einen komödiantischen Gruß an die Soldaten schickt, Chapeau!

    Überhaupt interessant, wie ein Demokrat, der vorallem (nicht ausschließlich) Republikaner regelmäßig vorführt und nicht wenig Kritik am Irak-Krieg geübt hat, sich seit Jahr und Tag für die Soldaten in Übersee einsetzt. Diese Show in Bagdad, u.a. mit den eingebauten Grüßen von Obama, Clinton, Bush Senior, McCain usw., ist die Krönung dieses Engagements.

    @Jeeves – colbertnation.com, alle Folgen als kostenloser Stream.
    Haare ab – Stephen berichtet inzwischen mit geschorenem Kopf aus Bagdad.

  11. […] Mehr zu den beiden Videos im Fernsehlexikon. […]

  12. Schindelschwinger,

    In der zweiten Sendung hat Colbert mit sich selbst über die „Don’t ask, don’t tell“ Haltung in der Army über Homosexuelle gestritten. Absolute Sahne, wie er diese Absurdität auf den Punkt gebracht hat.

  13. Vom Standpunkt des couch potatoe waren das die schlechtesten Colbert-Folgen seit langem. Schlimmer als der Autorenstreik. Denn Colbert auf USO-Mission durfte nur unterhalten, aber bloß nicht wirklich anecken. Saddam-Hussein-Witze, die peinlich vorhersehbare Grundausbildungs-Nummer, die anbiedernden Interviews. Dass er dann den Bob-Hope-Golfschläger aufgenommen hat, war eine ironische Brechung des Ganzen – konnte das Ganze aber nicht herausreißen.

    Dass Colbert dann noch George W. Bush auf Sendung genommen hat, war IMHO zu viel des Guten. Der Clown hält nicht mehr den Spiegel vor, er badet im Patriotismus.


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