Mord mit Absicht

Als Programmplaner des Ersten hat man auch nicht immer nur Glück: Da lässt man die viel gepriesene Serie Mord mit Aussicht erst zweieinhalb Jahre komplett vermodern, platziert die Wiederholungen dann im Sommerloch, pausiert sicherheitshalber nach nur einer Folge für eine Woche, um bloß keine Sehgewohnheit aufkommen zu lassen, pausiert dann aber nicht während der Fußball-WM und sendet die erste neue Folge sicherheitshalber parallel zum Halbfinale, um letzte Sehgewohnheiten zu zerstören, macht also im Ganzen den Privaten ihre Kernkompetenz des Serienabschießens streitig, und dann diese Schmach: Die Serie wird trotzdem ein Erfolg. Sowohl beim ARD-Publikum, als auch beim jüngeren. Mehr als fünf Millionen treue Zuschauer zog die untypische ARD-Serie in den meisten der vergangenen Wochen an und erreichte bei den 14- bis 49-jährigen zweistellige Marktanteile. (Für ARD-Fernsehschaffende: Zweistellig, das ist, wenn vor dem Marktanteil noch eine zusätzliche Ziffer steht.)

Eine solche Widerspenstigkeit darf natürlich nicht ungesühnt bleiben, weshalb zu befürchten ist, dass die heutige letzte Folge (20.15 Uhr, ARD) tatsächlich die letzte bleibt – zumindest für lange Zeit. Deshalb unbedingt genießen und zwei Kerzen aufstellen!

Andere Sender hätten sich bei einer Serie mit so guten Kritiken oder so guten Quoten jedenfalls wesentlich mehr beeilt, frühzeitig eine Fortsetzung zu versprechen. Aber gleichzeitig gute Kritiken und gute Quoten stellt natürlich eine unglaubliche Überforderung dar.

Mann Mann Mann.

Michael, 24. August 2010, 06:56.

21 Kommentare


  1. So und nicht anders isses, Michael. Kerzen stehen bereit. Aber der ARD fällt bestimmt noch ein Brennpunkt-Thema ein, das anstelle der letzten Folge gesendet wird… „Sommergrippe bei Angela Merkel“, „ICE war pünktlich“,… oder so.

  2. Jaja. Da strengt sich das Fernsehen so an und trotzdem gibt es plötzlich eine gute deutsche Serie auf der ARD. Unglaublich.

    Könnte es sein das die ARD-Fernsehschaffenden überhaupt nicht wissen wie man Quoten und Marktanteile abruft oder was diese bedeuten? Da selbst die Privaten nichtmal Konzepte wie „Serie“, „Episode“ und „Staffel“ verstehen ist das doch eine berechtigte Frage.

  3. Als Kontrast dazu schaue man mal zur BBC, die schon vor der zweiten Folge der brillanten Miniserie „Sherlock“ durchblicken ließ, dass man unbedingt eine vollwertige Serie daraus machen wolle.

  4. Optimal ist das Beispiel nicht. Die erste Staffel besteht ja nur aus 3 90-Minütern und die zweite wird frühestens in einem Jahr laufen und vermutlich auch nicht deutlich länger sein. Das liegt allerdings nicht an der BBC, sondern an der Auslastung von Steven Moffat, einem der beiden Erfinder der Serie. Er ist nämlich zugleich der aktuelle Chefautor und -Produzent von „Doctor Who“ – und die Kultserie hat nun mal Vorrang. 🙂

  5. Mann, Mann, Mann, ist hier heute wieder was los…

    Aber so sehr ich die alten Folgen geliebt habe und mich auf die neuen gefreut habe – ein wenig enttäuscht war ich schon. Teils arg konstruiert und um stete Steigerung bemüht.

    Nichtsdestotrotz äußerst unterhaltsam! 🙂

  6. Oliver Buschek,

    Stern-Leser wissen mehr: In einem hübschen Porträt über „Bärbel“-Darstellerin Meike Droste in der Fernsehbeilage von vorletzter Woche findet sich der Satz: „Ende des Jahres beginnen die Arbeiten für eine neue Staffel Mord mit Aussicht“. Gute Nachrichten, finde ich. Auch wenn die Ausstrahlung dann vermutlich für die Silvesternacht 2020 geplant ist.

  7. Und der Herr sprach und sagte: „Zuerst ziehe die heilige Zündnadel aus dem Gehäuse. Sodann sollst du zählen bis 3, nicht mehr und nicht weniger. 3 allein soll die Nummer sein, die du zählest, und die Nummer, die du zählest, soll 3 und nur 3 sein. Weder sollst du bis 4 zählen, noch sollst du nur bis zur 2 zählen, es sei denn, dass du fortfährst zu zählen bis zur 3. Die 5 scheidet völlig aus. Wenn dann die Nummer 3, welches ist die 3. Nummer von vorne, erreicht ist, dann schleudere mit Kraft deine Heilige Handgranate von Antiochia gegen deinen Feind.

    😉

  8. Und jetzt lassen wir noch diese dämliche und willkürliche 14-49-Aufteilung weg und freuen uns nachträglich über sagenhafte 20,5% beim Gesamtpublikum und den Tagessieg quer durch alle Programme.

    Wer angesichts dessen keine weiteren Folgen in Auftrag gibt, gehört als Dorfdepp nach Hengasch.

  9. Eine klasse Serie. Hoffentlich werden die neuen Folgen dann auch wieder so gut.

  10. Meine persönlichen Mini-Highlights der letzten Folge: Der mit einem Birnen-Aufkleber „unkenntlich gemachte“ Apple-Laptop (blödsinnige „Schleichwerbeverbote“ ad absurdum geführt) und der WDR-Tatort-Imbissstand – wie gewohnt auf der falschen Rheinseite platziert (wegen des hübschen Blicks auf den Dom).

    Ist eigentlich schon mal jemanden aufgefallen, dass ein Kölner Polizeipräsident (NRW) eine Kommissarin von dort wegen des föderalen Systems eigentlich nicht so einfach ins fiktive Hengasch im nicht ganz so fiktiven Rheinland-Pfalz oder zurück versetzen kann?

  11. @ Wolfgang: Hengasch liegt in NRW. Erinnere mal die Folge mit der Toten in der Kapelle.

  12. Hengasch liegt im NRW-Teil der Eifel, der zum Regierungsbezirk Köln gehört. Einige der Außenaufnahmen (u.a. das Polizeirevier) wurden in Kallmuth bei Bad Münstereifel gedreht.

  13. > NRW R-P

    Es gab doch auch in der ersten Staffel den Fall der Toten nach der Prozession – da hat Frau Haas doch vehement betont, dass dies in ihr Revier falle, da die Tote aus dem Nachbardorf in NRW stamme. Spricht dafür, dass sie ’nur‘ innerhalb NRWs versetzt wurde.

  14. Ich kam deshalb auf Rheinland-Pfalz, weil die Hengascher Polizei meiner Erinnerung nach mit einem RPL-Behördenkennzeichen herumfährt – das spricht eher nicht für NRW.

  15. Dank Fernsehlexikon bin ich auf diese schöne kleine Serie aufmerksam geworden! Danke dafür! Ich habe mich köstlich amüsiert, wobei ich „Cantello“ folgend auch die letzten Folgen nicht so gut fand. Aber immer noch besser als so mancher andere Schrott!

    Bleibt nur zu hoffen, dass die ARD mit der Serie wirklich weiter macht!

  16. @Fabian: Moffat wird „Sherlock“ seinem Co-Creator Mark Gatiss überlassen, um sich um „Doctor Who“ zu kümmern, daher sehe ich keinen Grund, warum die nächste Sherlock-Staffel wieder eine Miniserie sein sollte. Natürlich wird es wieder ein Jahr dauern, aber das ist vermutlich schneller, als die ARD eine Serienstaffel liefern kann.

  17. @ Klopfer: Dass Gatiss die Serie allein übernimmt, ist Spekulation. Gatiss in allen Ehren, aber das Genie von den Beiden ist Steven Moffat, daher wäre ich schon enttäuscht, wenn er nicht weiter mitmischt. Aber je mehr Moffat drin stecken soll, desto weniger kann natürlich produziert werden.

    Von dem Begriff Miniserie haben wir sehr unterschiedliche Vorstellungen, glaube ich. Ohnehin sind britische Serienstaffeln generell sehr kurz. Mit dem riesigen Aufwand, der für Doctor Who getrieben wird, wären gerade noch 7 x 90 Minuten drin, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es soweit kommt. Sechs Folgen vielleicht, fünf oder vier wären ja auch schon kein Riesensprung mehr.

  18. Mir ist Sherlock und das BBC schnurzegal und… obacht: darum geht’s doch überhaupt nicht in diesem Eintrag. Lobt doch lieber die tollen Schauspieler dieser wunderbaren deutschen Serie. Und das Drehbuch mit all diesen kleinen (und großen) Schmankerln.

  19. Da hast du auch wieder Recht. Die Serie ist wirklich mal eine erfrischende Abwechslung im deutschen Fernsehen. Ich habe sie bisher mit Freude gesehen und würde es auch weiterhin sehr gerne tun. Die ARD gleich abzuschlachten, weil sie nicht klar sagt, was Sache ist, dürfte übertrieben sein, denn ob es wirklich lange dauert, bis wir die Serie wiedersehen, ist daraus ja gar nicht abzulesen.

  20. Doch noch mal kurz zu Sherlock: Herbst 2011, 3 neue Folgen. Jetzt bin ich still.

  21. Nee ne, Mann Mann Mann – so eine Serie gibt’s nicht noch mal. Ein ganz dickes Kompliment.

    Morgen geht’s wieder ab nach Hengasch. Ich freue mich auf Frau Haas und ihr Team.

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