Kategorisch: Der beste Fernsehpreis seit Bestehen

Seit 1999 wird einmal im Jahr der Deutsche Fernsehpreis an hervorragende Produktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und der ein oder andere Alibipreis an die privaten Mitveranstalter vergeben. Erst 2009 hat es zum ersten Mal überhaupt Spaß gemacht, die komplette Ausstrahlung der Verleihung zu sehen. Der Gähngala ein Comedy-Rahmenprogramm mit dem Volksmusikpaar Wolfgang und Anneliese Funzfichler (Bastian Pastewka und Anke Engelke) zu verpassen, war die beste Idee seit der Erfindung des Rades. Oder des Feuers. Ich kann mich nicht entscheiden. Die beiden waren witzig  und frech und in ihren Verkleidungen gerade so oft auf der Bühne, dass man ihrer nicht überdrüssig wurde. Deshalb sind die Funzfichler-Engelke-Pastewkas und Gastgeber Sat.1, der lediglich für seinen Mehrteiler Wir sind das Volk ausgezeichnet wurde, die eigentlichen Gewinner des Abends.

Hier sind die weiteren Kategorien.

Verlierer des Abends

  • Ebenfalls Sat.1 für den Live-Betrug. Angeblich wurde die Gala live übertragen, und das stand auch die ganze Zeit oben im Eck. Doch wenn die rumpeligen Schnitte, die in die Werbung hinein und wieder aus ihr herausführten, selbst den dümmsten anzunehmenden Zuschauer noch nicht darauf gebracht haben, dass das gelogen war, dann tat es spätestens das Ende der Sendung und der Beginn der nachfolgenden. Am Ende der „Live“-Sendung standen Moderatoren und Preisträger noch während des Abspanns auf der Bühne, zehn Sekunden später, nur durch einen Sponsorenhinweis getrennt, waren sie schon mitten in die Aftershowparty vertieft. Für wie blöd halten uns diese Lügner eigentlich?
  • RTL. Der Sender wurde zweimal ausgezeichnet, und beide Preise sind eigentlich Schläge in sein Gesicht: Zum einen für die Klischeeserie Der Lehrer als beste Serie, die schon zweieinhalb Jahre alt ist, von RTL aber für zu schlecht befunden und deshalb auf Eis gelegt wurde, bevor sie dieses Jahr im Sommerloch unvollständig in Doppelfolgen zur Versendung kam. Und zum anderen für die innovative, mutige Satire TV-Helden als beste Comedy, die RTL nicht fortsetzen wollte, weshalb ihre Protagonisten jetzt in der ARD bei Harald Schmidt zu sehen sind.

Zitate des Abends

Vielen Dank auch an RTL für den langen Atem, dass wir nicht schon nach der ersten Folge abgesetzt wurden. Sondern nach der zweiten.
TV-Held Pierre M. Krause in seiner Dankesrede

Mich gibt es wirklich!
Silke Zertz, Gewinnerin für das beste Drehbuch, in Anspielung auf die gefeuerte NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze, die Drehbücher unter Pseudonymen schrieb und doppelt kassierte.

Eigentlich muss ich pullern, und das schon seit zwanzig Minuten.
Die beste Nebendarstellerin Anna Fischer in ihrer Dankesrede.

Als Alfred Biolek geboren wurde, war er Tscheche. Ist ja auch ne anständige Nationalität.
Alice Schwarzer in ihrer Laudatio auf den Träger des Ehrenpreises.

Das ist das Schöne an der Sendung. Es hat noch kein Moderator geschafft, sie in Grund und Boden zu moderieren, aber ich verspreche Ihnen, ich werde mich weiter darum bemühen.
Wetten-dass…?-Moderator Thomas Gottschalk, „bester Unterhaltungsmoderator“, in seiner Dankesrede.

Der Fernsehpreis hat ein großes Herz. Deshalb sind auch in diesem Jahr wieder ein paar Sendungen nominiert, die nicht so gut sind.
Anneliese Funzfichler (Anke Engelke) in ihrer Moderation.

Das ist ein ganz einfacher Job. Da musst du nix Besonderes für können. Das hat sogar der Marco Schreyl schon moderiert.
Wolfgang Funzfichler (Bastian Pastewka) in einem Einspielfilm über den Moderationsjob beim Fernsehpreis.

Die amerikanischsten Momente

  • Die Moderatoren singen ein Begrüßungslied voller aktueller Anspielungen, in dem sie sich über die eigene Branche lustig machen. Es geht um Doris Heinze, die Senderwechsel von Oliver Pocher und Johannes B. Kerner, und darum, dass, wer diesen Preis gewinnt, nicht ins Dschungelcamp muss. Auch danach gibt es noch mehrfach Spott für die Kollegen. Wenn die Verhältnisse richtig amerikanisch wären, könnten die Moderatoren solche Dinge sogar als sie selbst sagen, ohne dabei schrille Rollen spielen zu müssen.
  • Der Kabarettist Josef Hader wird für eine ernste Rolle als bester Hauptdarsteller geehrt und sagt in seiner Dankesrede: „Vielen Dank ans ZDF für diese großartige Gage!“
  • Die gefühlt unendlich vielen und unendlich häufigen Werbeunterbrechungen, die an die Schlagzahl der Emmy- und Oscar-Verleihungen erinnerten. Ich habe nicht mitgezählt, wie viele es wirklich waren, wollen wir der Veranstaltung also unterstellen, dass die Zeit zwischen den Werbeblöcken beim Fernsehpreis lediglich noch nie so kurz wirkten.

Die deutschesten Momente

  • Die Laudatoren, die aus ihren nicht enden wollenden Ansprachen weiterhin eine Andacht machten.
  • Die Dankesreden, für die in vielen Fällen das Gleiche galt. Die Reden der Preisträger für den besten Film Mogadischu schienen länger als der Film.
  • Die schlechten Schnitte und die Live-Lüge. Aber das hatten wir ja schon.

Das politischste Statement

…hatte gar nichts mit der Wahl zu tun. Claus Kleber bedankte sich in seiner Rede nach Erhalt des Preises für die beste Reportage für Die Bombe bei ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, den die dominierende CDU im ZDF-Verwaltungsrat gern loswürde. Kleber:

Wenn das Gute gewinnt, dann bleibt er uns erhalten.
  

Die größte Unverschämtheit

Ina Müller pries die drei nominierten Moderatoren in der Kategorie „Beste Unterhaltungssendung/Beste Moderation Unterhaltung“: Mario Barth, Thomas Gottschalk und Stefan Raab. Stefan Raab ist allerdings nicht der Moderator von Schlag den Raab, das ist Matthias Opdenhövel. Und der macht seinen Job ganz hervorragend. Ihn erwähnte Ina Müller nicht einmal. Es gewann Thomas Gottschalk.

Die größte Freude

…zeigten Bettina Schausten und Christian Sievers, die für die beste Moderation und die beste Informationssendung für das ZDF-Wahlforum ausgezeichnet wurden. Niemand freute sich so sehr und so ehrlich wie diese beiden. Die beiden moderieren am Sonntag aus Berlin zur Bundestagswahl wieder für das ZDF und waren nicht einmal anwesend, sondern von dort zugeschaltet, weshalb sie wohl am allerwenigsten mit dem Preis gerechnet hatten.

Die größten Irritationen

  • Vielleicht war auch nur das Licht schlecht, aber wenn es daran nicht lag, dann zeigte Susanne Kronzucker deutlich erkennbare Bikinistreifen, weil sie sich offenbar entschieden hatte, heute zum ersten Mal in diesem Jahr ein trägerloses Kleid anzuziehen. Dank der Gedanken darüber habe ich keine Ahnung, was sie in ihre Rede über die beste Reportage gesagt hat.
  • Warum lautet der Slogan, der neben dem nicht mehr bunten, sondern einfarbigen Sat.1-Ball steht, ausgerechnet „Colour your life“?
Michael, 27. September 2009, 01:04.

11 Kommentare


  1. Ich kann mit der Gala und den Preisträgern eigentlich ganz gut leben.
    Meinungsverschiedenheiten wird es in diesem Bereich immer geben.
    Die Schnitte etc. waren allerdings wirklich unterirdisch.
    Was ich zum Thema RTL noch zu bedenken geben möchte ist die Tatsache, dass der Erfolg trotz geringer Zahl der Auszeichnungen dem Sender ja recht gibt, und auf den Deutschen Fernsehpreis ist ja ohnehin niemand wirklich scharf.
    Das man deshalb trotzdem mehr fürs Prestige bzw. den eigenen Anspruch tun sollte ist zwar korrekt, gilt allerdings für die öffentlich-rechtlichen Sender genauso.
    Was einem da z. B. an Anspruch geboten wird ist eine Frechheit, da wollen einem die Drehbuchautoren weismachen, dass der Inhalt der Rheinberg-Villa in einen kleinen Lkw passt, der dann unmotiviert vor der Tankstelle ausgeräumt wird, und die Besitzer „zufällig“ dort ihre Möbelstücke wiederentdecken.
    Dies ist gebührenfinanziert und noch ein dreisterer Versuch von Drehbuchautoren das Publikum für dumm zu verkaufen als Lasko.

  2. Im ersten Satz ist ein „wird“ zuviel.

  3. „Warum lautet der Slogan, der neben dem nicht mehr bunten, sondern einfarbigen Sat.1-Ball steht, ausgerechnet „Colour your life“?“

    Viel schlimmer und anders irritierend: Der Ball dreht sich die ganze Zeit. Das macht einen doch plemplem (gut, als Zuschauer von deutschem Privatfernsehen hält es damit den status quo aufrecht).

    Am besten an diesem Beitrag wie auch in der Show haben mir die Zitate gefallen.

    Das mit der Livelüge ist mir gar nicht aufgefallen. Frechheit!

  4. Wie konnte das mit der Livelüge nicht auffallen? Schon während der Vorberichterstattung gegen 19:00 Uhr war bei Sat.1 neben dem Senderlogo „LIVE“ eingeblendet. Und was sah man? Während es in Berlin stockfinster war flanierten die anlassüblichen Blondinen in Köln vor einem pittoresken Sonnenpanorama über den roten Teppich. Als hätte Sat.1 das Palladium kurzerhand nach L.A. verlegt.

  5. Hier etwas zur Arbeitsmoral der „Beste Comedy“-Gewinner:
    http://www.youtube.com/watch?v=9wlPo9gPBLw

    Innovative, mutige Satire….?

  6. Die „größte Unverschämtheit“ spricht mir aus der Seele. Es ist völlig abstrus, Raab als Moderator dieser Sendung zu bezeichnen, und Opdenhövel wird in der Tat viel zu wenig dafür gelobt.

  7. Gegen die massive Werbeeinblendung hab ich mir die Verleihung einfach erst jetzt, im Rahmen meiner Mediathekenrundschau (http://bit.ly/IEvB6). Bis auf eine Einbelndung am Ende werbefrei. Und ich wusste vorher, dass es sich lohnt.

  8. Ich fand es vor allem für Sat.1 als Produzent der Sendung traurig, dass es in den ganzen Stunden der „Live“-Sendung, nicht einmal jemand gemerkt hat, dass die Bauchbinde, die auf die Nachfolgesendung aufmerksam macht, kaputt ist (Ich tippe auf Probleme mit dem Alphakanal. Jedenfalls gab es unten rechts, auf fast 1/4 des Bildschirms merkwürdige Farbflecken).
    Und zum anderen, dass man sich bei Sat.1 offenbar so wenig abspricht, dass die Reklame-Bauchbinde für die Nachfolgesendung, sogar ganz dreist über den Abspann eingeblendet wird, so dass man ’ne Menge Namen nicht lesen konnte.

  9. […] Schon so lange her, dass es ob meines grandiosen Gedächtnisses keiner weiteren Anmerkung bedarf. Weiterführende Informationen im Fernsehlexikon. […]

  10. […] unter anderem durch das Angebot einers TV-Gespräches Wind aus den Segeln zu nehmen versuchte, und 2009 mischten Anke Engelke und Bastian Pastewka in ihrer Rolle als skandalanfälliges Volksmusik-Duo…, dürfen wir uns mit der „heute-show“-Beteiligung in diesem Jahr auf eine sehr nette […]

  11. […] Veranstaltung nicht gerade unterhaltsamer machte. Die die Regel bestätigende Ausnahme gab es 2009, als Bastian Pastewka und Anke Engelke als skandalträchtiges Volkmusik-Ehepaar Wolfgang und […]



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