Heißer Verdacht

1992–1998 (ARD, Dritte Programme); 2004–2007 (ZDF). Brit. Krimireihe von Lynda La Plante („Prime Suspect“; 1991–2006).

Jane Tennison (Helen Mirren) ist eine schroffe, ehrgeizige Kommissarin der Londoner Polizei. Sie kämpft darum, sich als Leiterin der Sonderkommissionen bei den härtesten und heikelsten Fällen beweisen zu dürfen – gegen den Widerstand ihrer männlichen Vorgesetzten und Untergebenen. Regelmäßig tauchen u. a. Detective Sergeant Bill Otley (Tom Bell) und Detective Chief Superintendent Mike Kernan (John Benfield) auf. Aber Tennison stößt in den eigenen Reihen nicht nur auf Sexismus, sondern auch auf Korruption, faule Kompromisse und weit reichende Verschwörungen, gegen die sie ohne Rücksicht auf eigene Verluste ankämpft. Fast immer schafft sie es nur gegen den Willen ihrer Chefs, die Fälle am Ende zu lösen. Auf diese Art macht sie dann doch Karriere, schafft sich aber keine Freunde. Ihr Privatleben bleibt völlig auf der Strecke – die anfängliche Beziehung zu ihrem Freund George Marlow (John Bowe) ist nicht die einzige, die daran zerbricht. Die Fälle sind meist äußerst brutale Morde, nach dem Auftakt mit einem Serienmord an Prostituierten geht um Pädophilie, Rassismus und Drogenhandel.

Herausragende Krimireihe, die die mühsame Ermittlungsarbeit der Polizei realistisch und schonungslos zeigt und dabei alle Register zieht. Schlüsselszenen sind immer die Verhöre von Verdächtigen in klaustrophobisch kleinen Räumen. Helen Mirren bekam für ihre Rolle 1996 und 2007 einen Emmy.

Heißer Verdacht war ursprünglich ein Zweiteiler, dem nach dessen großem Erfolg zunächst zwei weitere Fälle folgten, die ebenfalls je zweimal 90 Minuten lang waren. Weitere drei Fälle bildeten eine Miniserie, danach folgte erneut ein Zweiteiler. Alle diese Folgen liefen in der ARD, teilweise auch nur in den Dritten Programmen. Die beiden letzten Zweiteiler mit den Untertiteln „Die letzten Zeugen“ und „Das Finale“ zeigte das ZDF.

Der große Preis

2002–2003 (ZDF). Neuauflage des gleichnamigen Quizklassikers.

Wieder am Donnerstag (20.15 Uhr) und wieder in Verbindung mit der Aktion Mensch, wie die Aktion Sorgenkind inzwischen hieß, jetzt aber nur noch eine Stunde lang. Neuer Moderator war Marco Schreyl, neue Assistentin Daniela Noack. Die Fragen-Wand und die Kapseln waren noch da, fast alles andere war weg: die Fachgebiete, die prominenten Gäste, die Showblöcke, Wum und Wendelin – und der Erfolg.

Mit der Einstellung nach 13 Sendungen wurde auch die Aktion Mensch heimatlos. Eine Art Asyl fand sie in Wetten, dass …?, wo Thomas Gottschalk regelmäßig für sie warb.

Der große Preis

1974–1993 (ZDF). „Ein heiteres Spiel für gescheite Leute“. Wissensquiz mit Wim Thoelke, das zu einem der größten Erfolge im deutschen Fernsehen und einem Dauerbrenner wurde.

Drei Kandidaten müssen in drei Spielrunden ihr Allgemein- und Fachwissen unter Beweis stellen. In der ersten Runde spielt jeder Kandidat allein und beantwortet Fragen zu einem selbstgewählten Fachgebiet, mit dem er sich bei der Sendung beworben hat. Eine Frage bestimmt er vorab als so genannte Masterfrage, für deren Beantwortung ein erhöhter Geldbetrag ausbezahlt wird.

Ab der zweiten Runde sitzen die Kandidaten bis zum Ende der Sendung in futuristisch anmutenden Kapseln, die von einer Schweizer Hubschrauberfirma hergestellt wurden. Sie spielen nun gegeneinander und beantworten Fragen zum Allgemeinwissen. Diese verbergen sich hinter Feldern mit Buchstaben oder Zahlen an einer Ratewand, die schon 1974 „Multivisionswand“ genannt wurde. Meistens gibt es zu den Fragen eine kurze filmische oder akustische Zuspielung. Wer eine Frage richtig beantwortet hat, wählt das nächste Feld an der Wand. Antworten darf, wer sich dann per Knopfdruck schneller zu Wort meldet. Außerdem verbergen sich hinter der Wand noch „Glücksfragen“, die 500 DM wert sind, und Joker, für die es ohne Gegenleistung 100 DM gibt. Wer ein Feld wählt, hinter dem sich eine „Risiko“-Frage verbirgt, darf diese auf jeden Fall beantworten – die anderen Kandidaten können sich nicht melden. Bei diesen Fragen bestimmt der Kandidat die Gewinnsumme selbst, indem er von seinem bisher erspielten Geld einen Teil oder alles setzt.

In der Finalrunde spielt wieder jeder Kandidat allein in seinem Fachgebiet – nun mit Kopfhörer in der geschlossenen Kapsel, damit niemand vorsagen kann. Nur wer die dreiteilige Frage komplett beantwortet, verdoppelt seinen Gewinn, andernfalls verliert er alles bis auf die erspielte Summe aus der ersten Runde. Der Champion ist beim nächsten Mal wieder dabei.

Die Aufteilung auf der Multivisionswand veränderte sich im Lauf der Jahre. Lange Zeit gab es sechs Themenspalten mit Feldern von 20 bis 100 DM und entsprechendem Schwierigkeitsgrad. Vorübergehend war eine Spalte als „Aktuell“-Spalte mit Buchstaben statt mit Geldbeträgen beschriftet. Später verbargen sich die Fragen hinter Buchstaben, das Thema war vorher nicht zu erkennen, und jede Antwort war 100 DM wert. Dauerhaft war das Feld mit dem Fragezeichen auf der Wand. Es durfte erst als letztes gewählt werden, weil sich ihm ein Show-Act anschloss, der die zweite Runde beendete.

Für jedes Fachgebiet war während der gesamten Sendung ein Experte anwesend, der im Zweifelsfall vor allem in der dritten Runde entschied, ob die gegebene Antwort richtig oder falsch war. Die Regeln waren streng, nie wurde bei einer falschen Antwort ein Auge zugedrückt. Die zuerst gegebene Antwort war verbindlich; selbst wenn sich der Kandidat sofort danach korrigierte, galt das nicht mehr. Über den korrekten Ablauf wachte außer den Experten und nicht weniger als vier Assistentinnen ständig ein Notar als „Oberschiedsrichter“, bis 1984 Eberhard Gläser, danach Nils Clemm. Einmal antwortete ein Kandidat auf eine Frage: „Da muss ich raten, Goethe oder Schiller. Ich sag‘ mal Schiller.“ Thoelke: „Das tut mir leid, Goethe wäre richtig gewesen …“ Oberschiedsrichter Klemm: „Das tut mir gar nicht leid. Die zuerst gegebene Antwort gilt, und die war Goethe …“

Der Große Preis war die Sendung zur ZDF-Fernsehlotterie Aktion Sorgenkind. Wenn Kandidaten am Ende ihr Geld verloren, floss es ihr zu. Die Ziehung der Gewinnzahl für die Lose der Fernsehlotterie wurde immer einige Tage vorher aufgezeichnet und in der Sendung eingespielt. Während der Sendung wurden aus einer Lostrommel die Gewinner der höchsten Preise gezogen und verlesen, meist mit Unterstützung eines prominenten Gasts. Thoelkes Assistentin Beate Hopf verlas mehrfach während der Sendung neu gezogene Gewinner. Ihre Nachfolgerin wurde nach 14 Jahren die deutlich frechere Karoline Reinhardt. Als Glücksbringer trat in den ersten Jahren Walter Spahrbier in immer anderen historischen Postuniformen auf, der diese Rolle bereits in den Sendungen von Peter Frankenfeld und bei Drei mal neun übernommen hatte.

Zum beliebtesten Element der Sendung wurde der Dialog Wim Thoelkes mit den Zeichentrickfiguren Wum und Wendelin. Thoelke stand vor einer Blue Box und führte hölzern einen Dialog mit dem Hund Wum, der bereits in Thoelkes Sendung Drei mal neun mit von der Partie war, und dem Elefanten Wendelin. Sie stammten beide aus der Feder von Loriot, der ihnen auch die Stimme lieh. Ab 1983 sprach Jörg Knör auf Loriots Bitte die Figuren, zu denen sich manchmal auch der – ebenfalls gezeichnete – blaue Klaus mit seiner Untertasse gesellte. Es ging um alles Mögliche, aber am Ende des Gesprächs immer um den Einzahlungstermin für die Aktion Sorgenkind. Der Abschlusssatz „Stichtag: Samstag in acht Tagen“ wurde zum geflügelten Wort. Wum und Wendelin als Maskottchen des Großen Preises und der Fernsehlotterie leiteten auch den Beginn jeder Sendung ein und kündigten den Moderator mit einem von Wum gebrüllten „Thoooooooeeeeeeelke!“ an.

Im Showblock bot Thoelke vor allem jungen, unbekannten Künstlern ein Forum, die oft mit klassischer Musik auftraten. Dauergast war der Kabarettist Wolfgang Gruner, der als Berliner Taxifahrer Fritze Flink aktuelle Ereignisse kommentierte, an die sich eine Frage für die Kandidaten anschloss.

Die ersten Alterserscheinungen tauchten bereits nach weniger als sechs Jahren auf: Die Wand fiel aus. Der Vorfall war im Fernsehen aber nicht zu sehen, weil die Sendung aufgezeichnet wurde. Erst ab der 150. Ausgabe am 12. Februar 1987 war Der Große Preis eine Live-Sendung. Über 18 Jahre lang moderierte Wim Thoelke das Quiz. Er war kompetent, souverän, akribisch vorbereitet (die Fachfragen in der ersten Runde stellte er auswendig) und humorfrei. Er wurde oft als langweilig gescholten, war aber dennoch einer der großen Sympathieträger des deutschen Fernsehens. Nur im April 1991 war er einmal krank und musste sich von Wolfgang Lippert vertreten lassen.

Sendeplatz der 80 Minuten langen Quizshow war fast immer donnerstags um 19.30 Uhr, erst in den letzten Jahren rückte sie auf 20.00 Uhr.

Am 10. Dezember 1992 moderierte Wim Thoelke den Großen Preis zum 220. und letzten Mal. Mit angeblich rückläufigen Zuschauerzahlen habe diese Entscheidung nichts zu tun, ließ Thoelke kurz zuvor in den „Stuttgarter Nachrichten“ wissen, während die „Süddeutsche Zeitung“ ihn eine Woche später mit den Worten zitierte, das Fernsehen, wie es heute ist, sei nicht mehr sein Fall. Hinterher rechnete er in einem Buch wüst mit dem ZDF ab und warf u. a. namentlich nicht genannten Redakteuren Korruption vor.

Das ZDF verpflichtete den sechs Jahre älteren Hans-Joachim Kulenkampff als neuen Moderator und verlegte die Sendung auf den großen Samstagabendtermin um 20.15 Uhr, was vielversprechend begann: Kuli nahm in seiner Premiere sich selbst wegen seines Alters und des neuen Sendeplatzes auf den Arm, humpelte am Stock auf die Bühne und faselte: „Wo ist Wetten, dass …?„. Dennoch moderierte er nur sechs Sendungen, sanken doch im Lauf dieses halben Jahres die Einschaltquoten rapide. Vom ursprünglichen Quizcharakter war durch Kulis lange Monologe viel verloren gegangen. So übernahm im Sommer 1993 Carolin Reiber. Allerdings konnte auch sie die Show nicht mehr retten, die nach nur weiteren sechs Sendungen endgültig eingestellt wurde. Missglückter Nachfolger wurde die Goldmillion. Acht Jahre später beschloss das ZDF nach einer Reihe von Flops am Donnerstagabend, dass diese Absetzung doch nicht so endgültig war, und legte Der Große Preis neu auf.

Das Format beruhte auf dem italienischen „Riscia Tutto“ und dem Schweizer „Wer gwünnt“, hatte aber auch Ähnlichkeiten mit dem US-Format „Jeopardy!“, das seit 1964 auf Sendung war und Deutschland erst mit einigen Jahrzehnten Verspätung erreichte.

Gameshow-Marathon

2007 (Pro Sieben). Gameshow-Gameshow mit Oliver Pocher und Oliver Petszokat.

Je sechs prominente Kandidaten spielen eine abgesetzte Fernseh-Gameshow nach, z.B. Der Preis ist heiß, Geh aufs Ganze oder Glücksrad. Jede Woche ist eine andere Show an der Reihe, und die Sieger ziehen in die nächste Runde ein, bis sie im Finale aufeinander treffen.

Die Reaktivierung der ausrangierten Klassiker weckte viele Erinnerungen, zum Beispiel die daran, warum diese Shows damals eigentlich abgesetzt wurden. Obwohl die Spiele über die Jahre nicht spannender geworden waren und die Prominenten dieselben wie in jeder Sendung, übertrug sich zumindest der Spaß, den die Moderatoren Oli und Oli dabei hatten, sich in den Gameshows ihrer Kindheit auszutoben; und auch einige ironische Anspielungen auf die Originalsendungen zeigten, dass man die Sache wenigstens nicht ernst nahm.

Trotz schlechter Zuschauerzahlen verdoppelte Pro Sieben die Sendezeit der Show nach zwei Wochen auf zwei Stunden. Insgesamt zehn Ausgaben liefen montags um 20.15 Uhr.

Geh aufs Ganze

1992–1997 (Sat.1); 1999–2003 (Kabel 1). Dauerwerbesendung als tägliche Spielshow mit Jörg Draeger.

Draeger pokert mit Kandidaten um Preise. Die Teilnehmer, die er aus dem Studiopublikum auswählt, haben sich im Wesentlichen zwischen verschiedenen Toren, Kisten oder Umschlägen zu entscheiden, ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Hat sich der Kandidat für etwas entschieden, wedelt Draeger mit Geldscheinen oder lockt mit wieder anderen Toren, Kisten oder Umschlägen, um den Kandidaten dazu zu verführen, sich noch einmal umzuentscheiden. Wer falsch pokert und auf Draegers Schlitzohrigkeit hereinfällt, bekommt den „Zonk“, das Maskottchen der Show, ein Plüschteufel, der die Niete darstellt.

Alle gewonnenen und auch verlorenen Produkte wurden im Anschluss ausführlich beschrieben, um sie zu bewerben. Vorbild war das US-Format „Let’s Make A Deal“. Das eigentlich simple Konzept lebte ganz von Draegers Menschenkenntnis: Er führte die Kandidaten durch ein Wechselbad der Gefühle und spielte mit ihrer Gier einerseits und ihrem Sicherheitsbedürfnis andererseits. Aus dem reinen Glücksspiel machte er scheinbar einen Machtkampf. Als Preise lockten immer wieder Autos, die die Kandidaten so nah vor sich sahen, dass es scheinbar nicht mehr darum ging, es zu gewinnen, sondern es nicht zu verlieren. Draeger trat dann auf wie ein schmieriger Gebrauchtwagenhändler, der mit faulen Angeboten in die Irre führen will, aber leider ein sehr guter schmieriger Gebrauchtwagenhändler ist und einen zwischendurch fröhlich anlächelt und sagt: Hey, ich bin ein schmieriger Gebrauchtwagenhändler! Trauen Sie mir etwa? Trauen Sie mir etwa nicht? Währenddessen brüllte das Publikum dauernd sinnlose Tipps von den Rängen: „Den roten Umschlag!“

Geh aufs Ganze lief täglich um 18.20 Uhr, zwischenzeitlich auch mal um 16.00 Uhr, dann um 18.30 Uhr. Im Januar 1997 wechselte Jörg Draeger zu RTL, und Elmar Hörig übernahm die Moderation der Show, deren Einstellung im selben Jahr nach mehr als 1500 Ausgaben zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen war. 1999 reanimierte Kabel 1 sie mit neuen Folgen, jetzt wieder mit Draeger als Moderator und Simone Dericks als ständiger Assistentin und weiterhin jeden Werktag im Vorabendprogramm. Die Dauer der Sendung änderte sich bei beiden Sendern mehrfach und schwankte jeweils zwischen 30 und 60 Minuten. Anfang 2002 entfernte Kabel 1 die Show wegen sinkender Marktanteile aus dem täglichen Programm, ließ sie eine Weile pausieren, sendete sie ab August 2002 für einige Wochen zur Primetime, dafür nur noch einmal wöchentlich, donnerstags um 20.15 Uhr. Nach sechs weiteren Folgen im Sommer 2003 sonntags um 19.10 Uhr war endgültig Schluss, laut offizieller Verlautbarung, weil Jörg Draeger seine Fernsehkarriere beenden wolle. Das tat er im Grunde tatsächlich, er moderierte fortan auf Neun Live. Dort durfte er ab März 2004 sogar wieder in bekannter Art zocken, die Sendung hieß nun „Alle gegen Draeger“.

Dalli Dalli

1995–1997 (ZDF). Tägliche halbstündige Gameshow mit Andreas Türck, die sich der Idee und des Namens von Hans Rosenthals Klassiker bediente, daraus aber eine uninspirierte Nachmittagsshow vom Fließband machte.

Durch die tägliche Ausstrahlung wurde in nur 19 Monaten die Anzahl der Sendungen aus 15 Jahren des Originals natürlich übertroffen. Fast 300 Sendungen liefen, über 1000 Prominente waren dabei. Rosenthals Satz „Sie sind der Meinung, das war – Spitze!“ blieb erhalten, statt des Moderators sprang allerdings das Publikum von seinen Plätzen. In der ersten Folge traten Jury-Mitglieder, Assistentin Monica Sundermann und Schnellzeichner Oscar gegeneinander an.

Dalli Dalli

1971-1986 (ZDF). Erfolgreiche 90-Minuten-Spielshow mit Hans Rosenthal.

In der schnellen Show waren jeweils acht prominente Kandidaten zu Gast, die in Zweierteams nach Oberbegriffen aufgeteilt wurden, je nachdem, aus welcher Branche sie kamen. Die Oberbegriffe waren so gewählt, dass sich jeweils eine Alliteration ergab, also z. B: „Tribüne gegen Tunika, Training gegen Theater“. Zunächst traten zwei Zweierteams gegeneinander an, danach die anderen beiden. Die Sieger der Zweier-Runden spielten anschließend im Finale um den Gesamtsieg. Die Prominenten mussten dabei Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Assoziationsvermögen demonstrieren, indem sie in einer Spielrunde innerhalb von 15 Sekunden möglichst viele Begriffe zu einem Oberbegriff nannten, und im anschließenden Aktionsspiel wiederum in einer vorgegebenen Zeit eine körperliche Aufgabe erfüllen, beispielsweise Würste formen, die aus einer Wurstmaschine geschossen kamen, Maibäume schmücken, Kerzen bedrucken, Frauen schminken, Eier suchen, Luftballons in Schubkarren transportieren oder brennende Häuser löschen.

Diese Aktionsspiele waren jedes Mal andere und entsprechend kurzweilig. Aufgrund der knappen Zeitvorgaben war die ganze Show sehr hektisch, und wenn die Hektik nicht durch die Spiele aufkam, verbreitete Hans Rosenthal sie selbst, der während der Spiele daneben stand und immer „Weiter, weiter!“ rief. Anfang der 80er‑Jahre wurde eingeführt, dass Zuschauer im Saalpublikum durch Knopfdruck entscheiden konnten, dass zwei Kandidaten ihre Aufgabe so gut gelöst hatten, dass sie die gezeigte Leistung „Spitze“ fanden. Taten das die meisten, ertönte im Saal eine Sirene und Rosenthal rief: „Sie sind der Meinung: Das war – Spitze!“ Beim Wort „Spitze“ rief das ganze Publikum mit. Gleichzeitig sprang Rosenthal hoch, und das Bild wurde angehalten, so dass er einen Moment mit angewinkelten Beinen in der Luft hing. Für „Spitze“ gab es Extra-Punkte.

Am Ende ergab die Gesamtpunktzahl (die Punkte aus den einzelnen Spielrunden wurden multipliziert) den Gewinnbetrag, der einem guten Zweck zugeführt wurde. Den konkreten Anlass durfte das Gewinnerpaar vorlesen, Rosenthal fügte dann mehrere erläuternde Sätze über das jeweilige Schicksal hinzu, was jeder Sendung einen gedämpften Abschluss verlieh. Meist ging es um Familien, die durch den Tod des Vaters unverschuldet in Not geraten waren. Nach dem Tod Rosenthals gründete das ZDF gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde Berlin, dem RIAS und der „Hörzu“ die Hans-Rosenthal-Stiftung, die diese Hilfe fortsetzte und die Erlöse der Show „Ihr Einsatz bitte …“ erhielt.

Feste und berühmte Bestandteile von Dalli Dalli waren u. a. die Kulisse, eine Gitterwand, die aus unzähligen sechseckigen Waben bestand, das Spiel „Dalli-Klick“, in dem erraten werden musste, was auf einem Foto zu sehen war, das erst nach und nach, nämlich bei jedem „Klick“, enthüllt wurde, sowie der von Horst Pillau umgeschriebene Theaterklassiker, in dem die prominenten Kandidaten falsche Requisiten und Textänderungen erkennen mussten. In verschiedenen Varianten spielte Rosenthal auch immer mit nichtprominenten Kandidaten. Anfangs konnte ein Zuschauer aus dem Publikum etwas gewinnen, wenn er Fragen beantwortete, die aus einer Lostrommel mit verschiedenfarbigen Kugeln und dem Aufdruck „W“ wie Wissen, „L“ wie lustig etc. gezogen wurden. Später spielten zwei Kandidaten gegeneinander die „Dalli-Tonleiter“: Sie saßen unter einem Leuchtbogen und beantworteten Fragen zum Allgemeinwissen. Für jede Antwort leuchtete eine weitere Note auf. Außerdem gab es zeitweise einen Wettstreit zwischen zwei Kandidaten, die sich vorher per Post für ein Spezialthema bewerben konnten und dann ebenfalls unter einem Leuchtkastenbogen saßen, auf dem nun allerdings Geldsummen aufleuchteten. Zwischen den Spielen gab es Showblöcke mit Musik oder Sketchen.

Neben Hans Rosenthal traten noch auf: seine Assistentin Monica Sundermann, der Schnellzeichner Oscar (sein Nachname wurde nie genannt, er lautete Bierbrauer; als Grafiker war Oscar aber auch nach seinem Wohnort als „Oscar Lebatz“ benannt; angefangen hatte er als Phantombildzeichner für die Polizei) und eine dreiköpfige Jury, die über die korrekte Punktevergabe wachte („Ein ‚Busen‘ war doppelt, den müss‘ ma abziehen“) und den Gewinnbetrag in Schilling umrechnete. Sie bestand aus Mady Riehl, Brigitte Xander und Ekkehard Fritsch. Dem frechen Fritsch folgte 1980 für drei Folgen Georg Lohmeier, bevor er – wegen zu großer Trägheit – durch Christian Neureuther ersetzt wurde. Zeitweise saß auch Neureuthers Frau Rosi Mittermaier in der Jury. Kurz vor Ende der Reihe nahm für ein paar Sendungen noch Sabine Noethen Mady Riehls Platz ein. Die Musik spielte bis 1980 die Götz-Wendlandt-Combo, dann die die „Jochen-Brauer-Band“, jeweils unter der Leitung von Heinrich Riethmüller.

Der Aktionismus in der Show färbte aufs Publikum ab, das bereitwillig alles machte, wozu es aufgefordert wurde, aber zu Rosenthals Entsetzen nicht vom In-die-Kamera-Winken („Nein, das macht man nicht“). abzuhalten war. Ende 1972 trat in einer Sendung die 30-jährige gelähmte Susanne Meyer aus Berlin auf und bat um Ansichtskarten aus aller Welt. Es kamen, je nach Schätzung, 600 000 bis eine Million Karten. Gezählt hat sie wohl niemand.

Sendeplatz war einmal im Monat am Donnerstagabend um 19.30 Uhr (in den ersten beiden Jahren war die Show noch zehn Minuten kürzer), u. a. im Wechsel mit dem ebenfalls erfolgreichen Quiz Der große Preis. Ein Intermezzo als Samstagabendshow 1976/77 dauerte nur kurz.

Mit dieser Sendung wurde Rosenthal, der nicht sehr groß war und deshalb „Hänschen“ genannt wurde, zu einem der beliebtesten Fernsehmoderatoren. Sein Publikum sprach er stets mit „liebe Dalli-Dalli-Freunde“ an. „Dalli Dalli“ war außerdem das Startkommando für die Spielrunden. Er moderierte die Sendung 153‑mal. Sie wäre vermutlich noch jahrelang weitergelaufen, wäre Hans Rosenthal nicht im Herbst 1986 an Magenkrebs erkrankt. Am 11. September 1986 moderierte er noch, die Oktober-Sendung musste bereits ausfallen, weil Rosenthal im Krankenhaus lag. Am 10. Februar 1987 starb Hans Rosenthal. In der 150. Sendung hatte das ZDF noch Bilanz gezogen, ohne an ein Ende zu denken: Mehr als 1200 Prominente waren zu Gast gewesen, 2 330 118 Punkte waren bis dahin erspielt worden, umgerechnet rund 1,4 Millionen Euro für unverschuldet in Not geratene Familien und andere Notleidende waren zusammengekommen. Die ersten prominenten Kandidaten waren am 13. Mai 1971 Liselotte Pulver und Fritz Eckhardt. Roberto Blanco war in der ersten Sendung nicht dabei, aber danach eigentlich immer. Die letzten Gewinner waren Christian Bruhn und Frank Duval.

1995 startete das ZDF eine kurzlebige Neuauflage als tägliche Nachmittags-Gameshow. „Dalli“ kommt übrigens vom polnischen dalej und heißt „los“, „beeil dich“ oder „schnell“.

Glücksrad

1988–1998 (Sat.1); 1998–2002 (Kabel 1); 2004 (9Live). Dauerwerbesendung als tägliche Spielshow, in der Kandidaten Begriffe erraten müssen.

Jeder der Kandidaten darf am Glücksrad drehen, auf dem verschiedene Geldbeträge stehen. Dann nennt er einen Konsonanten, und so oft dieser Konsonant im Lösungsbegriff enthalten ist, wird ihm der erdrehte Betrag gutgeschrieben. Ist der Buchstabe nicht enthalten, kommt der nächste Kandidat an die Reihe. Wer genug Geld hat, kann, statt einen Konsonanten zu nennen, einen Vokal kaufen. Nach und nach erscheinen auf diese Weise immer mehr Buchstaben an der Ratewand. Wer den Begriff errät, gewinnt die Runde. Gesamtsieger ist, wer über alle Runden das meiste Geld erspielt hat.

Der Rundensieger durfte für die erdrehte Summe Preise aus einer von drei verschiedenfarbigen Gewinnpaletten auswählen, die ausführlichst beschrieben und damit beworben wurden. Gelegentlich kam es vor, dass ein Kandidat mehr Geld erdreht hatte, als Gegenwert in Gewinnen in einer Palette vorhanden war. Dann fielen Sätze wie: „Ich nehme die grüne Gewinnpalette, die blaue Gewinnpalette und aus der gelben alles außer dem Toaster.“ Zeitweise gab es auch Bargeld anstelle von Sachpreisen. Die Länge der Sendung änderte sich im Lauf der Jahre mehrfach und schwankte zwischen 30 und 60 Minuten, Sendeplatz war immer nach 19.00 Uhr. Je nach Länge gab es Sonder- oder Bonusrunden. Der Gesamtsieger der drei Vorrunden spielte in einer Finalrunde allein um den Hauptpreis, dazwischen gab es lange Zeit eine Kreuzworträtselrunde, in der die drei Kandidaten zusammen spielten. In diesen beiden Runden durften die Kandidaten zuvor pauschal fünf Konsonanten und einen Vokal wählen. Dabei wurde so oft die Kombination „ERNSTL“ gewählt, dass sie irgendwann als Regelfall vorgegeben wurde. Später, als die Kandidaten dümmer und alles simpler wurde, durften zum „ERNSTL“ noch weitere Buchstaben gewählt werden.

In der Zeit bei Sat.1 wechselten sich Frederic Meisner und Peter Bond (der eigentlich Peter Kielbassa heißt) als Moderatoren im Wochenrhythmus ab, Maren Gilzer drehte an der Ratewand die gewählten Buchstaben um. Peter Bond hatte in früheren Jahren die Pornos „Lauras Gelüste“ und „Worksex“ gedreht. Anfangs wurde die Show noch nicht als „Dauerwerbesendung“ gekennzeichnet, im April 1991 entschied das Verwaltungsgericht Neustadt aber, dass Sat.1 nicht drum herumkommt.

Ab Mai 1992 zeigte Sat.1 ein Jahr lang sporadisch Sonderausgaben unter dem Titel Kinder-Glücksrad, in denen minderjährige Kandidaten antraten.

Bei Kabel 1 war Frederic Meisner alleiniger Moderator, Sonya Kraus drehte die Buchstaben um. 2002 wurde Thomas Ohrner neuer Moderator, wenig später die amtierende Miss Germany Katrin Wrobel neue Buchstabenfee, die die leuchtenden Felder inzwischen nur noch berühren musste. Beide konnten die sinkenden Marktanteile nicht aufhalten, und so wurde der Klassiker noch im selben Jahr eingestellt. Das US-Vorbild „Wheel Of Fortune“, das sich bereits seit 1975 drehte, war zu diesem Zeitpunkt noch immer die mit Abstand erfolgreichste Sendung im amerikanischen Vorabendprogramm.

Im März 2004 exhumierte der Kleinstsender 9Live das Glücksrad noch einmal und engagierte wieder Frederic Meisner als Moderator, diesmal mit Ramona Drews, der Ehefrau des „Bett im Kornfeld“-Sängers Jürgen, als Buchstabenfee. Die Sendung lief auch hier täglich am Vorabend.

Der Preis ist heiß

1989-1997 (RTL). Tägliche halbstündige Gameshow und Dauerwerbesendung mit Harry Wijnvoord.

Wer weiß, was eine Packung Reis kostet, hat sie schon gewonnen. Funktioniert auch mit Autos und kompletten Wohnungseinrichtungen. Mehrere aus dem Studiopublikum ausgewählte Kandidaten, jeweils vier zur gleichen Zeit am Ratepult, müssen schätzen, was ein vorgestelltes Produkt kostet. Dabei gilt es, dem gesuchten Betrag am nächsten zu kommen, ihn aber nicht zu überbieten. Wer den Preis am besten geschätzt hat, darf ihn behalten und hat sich für die nächste Spielrunde qualifiziert, in der es um einen deutlich hochwertigeren Gewinn geht. Die Grundidee des Preisratens wird nun in verschiedenen Spielformen umgesetzt, solange das Publikum nur laut genug „höher“, „tiefer“ oder etwas Unverständliches brüllt. So müssen Kandidaten aus mehreren Produkten Zweierpaare mit gleichem Ladenpreis finden, den korrekten Preis aus einem schon angegeben Betrag bilden, dessen Ziffern aber jeweils um eins zu hoch oder zu niedrig sind, oder eine Reihe von Produkten nach ihrem Preis sortieren.

In wenigen Spielen geht es auch um Geschicklichkeit, so im „Einlochen“, wobei der Kandidat einen Ball mit dem Golfschläger in ein Loch befördern muss. Wenn es ihm beim ersten Mal nicht gelingt, benennt Harry Wijnvoord das Spiel kurzerhand in „Zweilochen“ um, und er darf noch mal. Nach dieser Spielrunde wird ein neuer Teilnehmer aus dem Publikum für die Viererrunde und aus dieser wieder einer für die nächste Spielrunde ermittelt. Im Finale treten zwei Kandidaten an, die ihre Runden zuvor gewonnen haben. Waren dies mehr als zwei, werden die Teilnehmer durch Drehen an einem Glücksrad ermittelt. Die Finalisten müssen dann die Summe einer Reihe von Preisen schätzen, die im Rahmen einer an den Haaren herbeigezogenen Geschichte vorgestellt werden.

Der Preis ist heiß war eine originalgetreue Umsetzung der amerikanischen Gameshow „The Price Is Right“ und die konsequenteste aller Dauerwerbesendungen, denn nur dort waren die Produkte gleichzeitig Hauptdarsteller, roter Faden und Wissensgebiet. Die Sendung war stilbildend wie einst Dalli Dalli, wo sich ein Kandidat, der in die Kamera gewunken hatte, einmal von Hans Rosenthal ermahnen lassen musste: „Sie sind in einer Großstadt – das macht man nicht!“ Die Showrevolution der Privaten bestand darin, die Leute aus den Kleinstädten in Busse zu verladen und ihnen wieder beizubringen, ihrem Drang, zu winken, zu toben und den Showmaster zu knutschen, ungebremst nachzugeben.


Foto: RTL

Neben Wijnvoord trat Walter Freiwald (links) als Co-Moderator auf, der die möglichen Gewinne beschrieb, während Models sie zärtlich streichelten. Freiwald begrüßte die Zuschauer zu Beginn jeder Sendung mit dem „Großen Hallo“, rief die Kandidaten aus dem Studiopublikum auf und trommelwirbelte das Glücksrad herbei („Meine Damen und Herren – das Rad!“).

RTL sendete die Show zunächst jeden Werktag gegen 17.00 Uhr und verlegte sie Ende 1992 auf 10.30 Uhr, kurz darauf auf 11.00 Uhr am Vormittag. Nach der letzten, der 1873. Folge im Sommer 1997 zeigte RTL noch zwei Monate lang Wiederholungen, bevor sich die Sendung in die ewigen Schnäppchenjagdgründe verabschiedete. Wijnvoord tauchte auf tm3 noch einmal mit einer Kochshow auf, die konsequenterweise „Der Reis ist heiß“ hieß.

Die Harald Schmidt Show

1995–2003 (Sat.1). Late-Night-Show mit Harald Schmidt.

Die Harald Schmidt Show war anfangs eine noch perfektere Kopie der amerikanischen Late Show with David Letterman als die RTL-Nachtshow mit Thomas Koschwitz, entwickelte aber nach einiger Zeit ein erstaunliches Eigenleben. Jede Sendung begann mit einem Monolog und Einspielfilmen mit Gags zum aktuellen Tagesgeschehen. In der zweiten Hälfte der Show saß Schmidt hinter einem Schreibtisch und empfing prominente Gäste. Wie in jeder klassischen Late-Night-Show gab es auch eine Live-Band im Studio, die die Gags mit kurzen Tuschs begleitete und die Titelmusik spielte. Bandleader und gelegentlicher Comedy-Spielpartner war Helmut Zerlett.

Nach schwachem Start wurde die Harald Schmidt Show trotz weiterhin nur durchwachsener Einschaltquoten schon bald zur Institution. Highlights der frühen Jahre waren Comedyrubriken wie „Die dicken Kinder von Landau“ oder „Die Weisheiten des Konfuzius“. In Letzterer gaben zwei asiatische Kellner deutsche Sprichwörter oder Schlagertexte zum Besten. Herr Li und Herr Wang arbeiteten in einem Restaurant neben dem Kölner Capitol, wo die Show bis Mitte 1998 aufgezeichnet wurde.

Weitere wiederkehrende Figuren waren der angeberische Reporter Kai Edel (Chefautor Peter Rütten), Schmidts Fahrer Üzgür, Frau Asenbaum, Vatta Theresa, die Handpuppen Bimmel und Bommel, die Begriffe zu einem Buchstaben aus dem „Alfabet“ demonstrierten, am Ende aber immer beim „guten A“ landeten, der imaginäre Co-Moderator Horst und der „Politiker“ Dr. Udo Brömme (Gagautor Ralf Kabelka), der auf der Straße seine Botschaft „Zukunft ist gut für alle!“ verkündete und sich sogar bis in den echten Bundestag einschleichen konnte. Die meisten dieser Figuren verschwanden nach einiger Zeit wieder, und neue kamen hinzu. Ein Glas Wasser auf seinem Tisch blieb, der dazugehörige Spruch „Ich sage Ja zu deutschem Wasser!“ verschwand wieder, nicht ohne zuvor zum geflügelten Wort und auf T-Shirts gedruckt zu werden. Jeden Monat bestimmte Schmidt einen Prominenten als „Liebling des Monats“, dessen Foto dann seinen Schreibtisch zierte und als Witzvorlage diente.

Für Aufsehen sorgte in den ersten Jahren vor allem Schmidts Lust am kalkulierten Tabubruch. Jahrelang profilierte er sich mit Polenwitzen, gegen die u. a. deutsche Journalisten und Kulturschaffende in Polen protestierten. Genussvoll und zynisch spielte er im Kampf gegen sinkende Quoten den „Dirty Harry“, der Zoten reißt und frauenfeindliche Witze erzählt. Im Dezember 1995 zeigte er eine Ausgabe der Frauenzeitschrift „Emma“, Eierlikör, eine Kloschüssel und Bettina Böttinger und fragte: „Was haben diese vier Dinge gemeinsam? Das sind die vier Dinge, die kein Mann freiwillig anfassen würde.“ In der Folge machte er immer neue gehässige Anspielungen auf die Homosexualität der Moderatorin. Sie kam schließlich in seine Show, sagte, dass sie das „sehr verletzt“ habe, und ging vorzeitig wieder. Andererseits spielte Schmidt großartig mit Selbstironie, ließ z. B. die Post von einem „Letter-Man“ bringen und den Weg vom Anfangs-Stand-up zu seinem Schreibtisch, während dessen große Teile der Zuschauer immer abschalteten, von einer Sat.1-Ansagerin mit der Bitte moderieren, nun nicht abzuschalten.

1998 trennte sich Schmidt im Streit von der bisherigen Produktionsfirma Brainpool, die schon die RTL-Nachtshow mit Thomas Koschwitz hergestellt hatte, und ließ die Show ab Sommer von seiner eigenen Firma Bonito TV produzieren. Damit verbunden war der Umzug vom Capitol ins Studio 449 in Köln-Mülheim.

Ab 2000 stand auf der Bühne ein zweiter Schreibtisch, hinter dem Redaktionsleiter Manuel Andrack saß, mit dem sich Schmidt während der Sendung über Nietzsche, Kant, den Expressionismus und andere Bildungsbürgerthemen unterhielt. Oder auch über Fußball. Die Show hatte nach und nach eine neue Richtung bekommen, als Schmidt den „Dirty Harry“ immer mehr durch einen konservativen Bildungsbürger ersetzte, aber den Klamauk fortführte. In einem Interview mit „TV Today“ beschrieb er Anfang 2001 seine Sendung so: „Da erklärt einer Max Planck, und hinterher rennt einer nackt über die Bühne und wird mit Gummibärchen beworfen. Das ist etwas, worauf ich stolz bin, dass ich Stimmungsmacher Fips Asmussen und Schriftsteller Karl Ignaz Hennetmair in der Sendung haben kann.“ Auch andere Mitglieder des Teams wurden vermehrt ins Bild gerückt, vor allem die Rezeptionistin Natalie Licard, die schon seit Jahren mit französischem Akzent den Vorspann sprach, und Suzana Novinscak, die eigentlich dafür zuständig war, die Papptafeln mit Schmidts Moderationstexten hochzuhalten.

Schmidt hatte am Revers seines Anzugs eine „Rinder-gegen-den-Wahnsinn-Schleife“ in Form eines Kuhschwanzes angesteckt, um die Hysterie um BSE in Großbritannien zu karikieren. Die Schleife wurde im Fanshop verkauft und einer CD mit Musik aus der Show beigelegt. Schmidt trug sie über Jahre jeden Abend und machte auch kein großes Aufhebens um sie, als die BSE-Krise Anfang 2001 Deutschland erreichte. Im Herbst des gleichen Jahres erschien er plötzlich ohne die Schleife und verkündete: „BSE ist geheilt!“

Nach den Terroranschlägen in den USA am 11. September 2001 nahm Schmidt eine zweiwöchige Auszeit. Danach begannen seine Einschaltquoten stetig zu steigen. Im Lauf der nächsten zwei Jahre verbesserten sie sich von ca. einer auf eineinhalb Millionen Zuschauer, der Marktanteil bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern stieg auf für Sat.1 hervorragende 18 %. Harald Schmidt heimste nun unzählige Fernsehpreise ein, in manchen Monaten fast jede Woche einen. Zu den Auszeichnungen der Show gehörten der Grimme-Preis 1997 und der Deutsche Fernsehpreis 2000 (Beste Comedy-Sendung/Beste Moderation Unterhaltung), 2001 (Beste Unterhaltungssendung/Beste Moderation Unterhaltung) und 2003 (Beste Comedy-Sendung).

Die einstündige Late-Night-Show lief in der Anfangsphase für kurze Zeit fünfmal pro Woche, dienstags bis samstags nach 23.00 Uhr, dann sieben Jahre lang dienstags bis freitags (die Donnerstagsshow kam bis Ende 1996 eine Stunde später, weil Margarethe Schreinemakers für Schreinemakers live einen Vertrag über eine dreistündige Sendezeit bis Mitternacht hatte). Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs führte Schmidt im Juni 2003 wieder eine fünfte wöchentliche Sendung ein, und am 18. September 2003 sendete Die Harald Schmidt Show um 20.15 Uhr ihr erstes Primetime-Special „Zu Gast auf Vater Rhein“ vier Stunden lang vom Deck des Schiffs „MS Loreley“. Die Sendung floppte in jeder Hinsicht – aber egal: Schmidt hatte seit geraumer Zeit Narrenfreiheit genossen und konnte tun und lassen, was er wollte.

Am 4. Dezember 2003 wurde Sat.1-Chef Martin Hoffmann gefeuert, ein Freund und Förderer Schmidts, der ihm über Jahre diese Narrenfreiheit gewährt hatte. Schmidt bedauerte den Rauswurf am gleichen Abend in seiner Sendung, erklärte jedoch, er sei ja eine Mediennutte („Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“) und werde jetzt eben dem neuen Chef dienen. Vier Tage später zeigte sich, dass Schmidt nichts ferner liegt als das: Er gab bekannt, er werde seine Show im neuen Jahr nicht fortsetzen und wolle eine „kreative Pause“ einlegen (auch dieser Ausdruck wurde zum geflügelten Wort). Die letzte reguläre Show am 23. Dezember 2003 (Folge 1374) erreichte die bis dahin höchste Einschaltquote. Sechs Tage später lief noch ein zweistündiges (schon lange vorher geplantes und aufgezeichnetes) Primetime-Special, das aufs Jahr zurückblickte, im Januar 2004 außerdem noch die im November aufgezeichnete Show „20 Jahre Sat.1″, die Schmidt und Andrack moderierten. Anfang 2004 wiederholte Sat.1 vier Wochen lang „die legendären Sendungen“.

Als Nachfolgerin von Schmidt präsentierte Sat.1 einige Wochen nach dessen Abschied Anke Engelke, die im Mai 2005 erstmals mit Anke Late Night auf Sendung ging und an der unerfüllbaren Aufgabe scheiterte. Schmidt trat mehrmals mit Bühnenversionen seiner Show auf und kehrte Ende des Jahres zurück zur ARD, wo seine Sendung schlicht Harald Schmidt hieß.

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